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„Ich kam nicht nach Deutschland, sondern zur deutschen Sprache zurück“

Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil 2016 der Stadt Heidelberg an Edgar Hilsenrath verliehen

Für sein Lebenswerk hat der 1926 geborene deutsch-jüdische Schriftsteller Edgar Hilsenrath am 22. November 2016 den mit 15.000 Euro dotierten Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil 2016 der Stadt Heidelberg erhalten. Bürgermeister Dr. Joachim Gerner überreichte den Preis im Rahmen einer Konzert-Lesung im Heidelberger Rathaus an Hilsenrath. 

Rückkehr zur deutschen Sprache: Edgar Hilsenrath (Mitte) erhielt den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil am 22. November im Heidelberger Rathaus aus den Händen von Bürgermeister Dr. Joachim Gerner. Die Ehefrau des Preisträgers, Marlene Hilsenrath, war ebenfalls bei der Verleihung dabei. (Foto: Rothe)
Rückkehr zur deutschen Sprache: Edgar Hilsenrath (Mitte) erhielt den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil am 22. November im Heidelberger Rathaus aus den Händen von Bürgermeister Dr. Joachim Gerner. Die Ehefrau des Preisträgers, Marlene Hilsenrath, war ebenfalls bei der Verleihung dabei. (Foto: Rothe)

Die Jury bezeichnete Hilsenrath in ihrer Begründung als „Schriftsteller, dessen Lebenswerk der Erfahrung von Exil in literarisch einzigartiger, kühner Weise Ausdruck verliehen hat.“ Seine Romane, getrieben von einer düster-schwarzen Phantasie, seien Versuche, das Grauen, das Menschen anderen Menschen antun, in Formen der Groteske erzählbar zu machen. Hilsenraths Themen sind die Judenverfolgung und der Holocaust, aber auch der Völkermord an den Armeniern. Zu seinen Hauptwerken zählen die Groteske „Der Nazi & der Friseur“ sowie die Romane „Nacht“ und „Das Märchen vom letzten Gedanken“. Hilsenrath selbst sagte im Vorfeld der Preisverleihung in einem Interview, das einzige Verhältnis, das er zu Deutschland habe, sei das zur deutschen Sprache, nicht aber zum „deutschen Volk“ oder dem, was man „deutsche Kultur“ nennt. „Ich kam 1975 nicht nach Deutschland, sondern zur deutschen Sprache zurück“, so Hilsenrath.

In ihrer Laudatio beschrieb die gebürtige Armenierin Susanna Amirkhanyan Hilsenrath als Schriftsteller, der Tabus bricht und mutig provoziert. „In allen seinen Werken erscheint Edgar Hilsenrath unsichtbar in seinen Protagonisten, aber er schreibt keine Autobiographie. Er ist ein realistischer Schriftsteller, ein großer Philosoph und Humanist, denn er fordert keine Strafe. In seinen Werken kommt die Seele eines großen Künstlers zum Vorschein“, sagte Amirkhanyan.

Bürgermeister Dr. Joachim Gerner beschrieb den Hilde-Domin-Preis als wichtigen Baustein der Literaturförderung in der UNESCO-Literaturstadt Heidelberg. Seit 2014 ist Heidelberg die bislang deutschlandweit einzige von der UNESCO ausgezeichnete „City of Literature“ im Verbund der UNESCO Creative Cities. Zum Domin-Preisträger 2016 sagte Gerner: „Edgar Hilsenrath als deutsch-jüdischer Schriftsteller ist einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, die heute noch von den Verbrechen des Nationalsozialismus, von Judenverfolgung und Holocaust direktes Zeugnis ablegen können. Seine Werke widmen sich diesen dunklen, doch nie zu vergessenden unseligen Kapiteln der deutschen Geschichte auf vielfältige, kühne Weise und mahnen uns, indem sie jede simplifizierende Beschränkung auf eine Trennung von „Gut und Böse“ vermeiden, vor der allzeit und gegenwärtigen Gefahr faschistoider, menschenverachtender Entwicklungen.“

Edgar Hilsenrath wurde 1926 als Sohn eines Kaufmanns in Leipzig geboren und musste 1938 mit der Mutter aus Halle, wo er seine Jugend verbrachte, zu den Großeltern nach Rumänien in die Bukowina fliehen. 1941 wurde er in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine deportiert. Hilsenrath überlebte, kehrte in die Bukowina zurück und wanderte 1945 nach Palästina aus. 1947 fand er mit der Familie in Lyon zusammen und ging 1951 nach New York, wo der Hauptteil sowohl von „Nacht“ als auch von „Der Nazi & der Friseur“ entstand. 1975 kehrte er wegen der deutschen Sprache nach Deutschland zurück. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland, darunter den Preis des Präsidenten der Republik Armenien sowie die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Eriwan.
Der Preis „Literatur im Exil“

Der Preis „Literatur im Exil“ wurde 1992 von der Stadt Heidelberg anlässlich des 80. Geburtstages der Ehrenbürgerin und ersten Preisträgerin Hilde Domin gestiftet. Seitdem wird die Auszeichnung alle drei Jahre an Schriftstellerinnen und Schriftsteller vergeben, die im Exil in Deutschland leben oder als Nachkommen mit diesem Thema in Berührung kamen, sich literarisch damit auseinandersetzten und in deutscher Sprache publizieren. Die Vergabe kann entweder für eine Einzelleistung oder in Anerkennung des Gesamtwerkes erfolgen. Bei ins Deutsche übersetzten Werken kann der Übersetzer oder die Übersetzerin nach Ermessen der Jury bis zu einem Drittel am Preis beteiligt werden. Der Preis ist dotiert mit 15.000 Euro. Zu Ehren Hilde Domins wurde der Preis nach ihrem Tod im Februar 2006 in „Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil“ umbenannt. 2016 wird er erstmals im Rahmen des Programms der UNESCO City of Literature Heidelberg vergeben.

Bisherige Preisträger

Neben Hilde Domin erhielten den Preis bisher der Autor SAID, Boris Chasanow und dessen Übersetzerin Annelore Nitschke, Stevan Tontic, Hamid Skif, Sherko Fatah, Oleg Jurjew sowie Abbas Khider.

Die Jury

Mitglieder der Jury des Hilde-Domin-Preises sind

  • Prof. Dr. Axel Dunker (Professor für neuere und neueste deutsche Literaturgeschichte und Literaturtheorie an der Universität Bremen, Leiter des Instituts für kulturwissenschaftliche Deutschlandstudien Bremen), 
  • Hauke Hückstädt (Literaturvermittler, Autor, Literaturkritiker und Leiter des Literaturhauses Frankfurt am Main e. V.), 
  • Ijoma Mangold (Literaturkritiker und Literaturchef der Wochenzeitung „Die Zeit
  • Andreas Platthaus (Journalist, Chef des Ressorts Literatur und Literarisches Leben der „FAZ“) und 
  • Inga Pylypchuk (Journalistin und freie Autorin, Redakteurin für „Die Welt“).

Weitere Infos

Foto zum Download
www.heidelberg.de/kulturamt

(Erstellt am 23. November 2016)