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Ämter der Stadt Heidelberg

30. Heidelberger Künstlerinnenpreis

Rede von Frank Kämpfer (Deutschlandfunk)

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Preisträgerin,
liebe Roswitha Sperber,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
 
Es ist oft das ANDERE ZU UNS SELBST, das uns anzieht und fasziniert, und … von dem wir dann doch verlangen, dass es sich einlässt darauf, mit UNS kompatibel zu sein. Ying Wang könnte ein Lied davon singen – sie aber schreibt uns eine Orchestermusik voller Dynamik und Energie, die UNS einen Spiegel vorhält. Es geht um das Sein, das lebendige Dasein, welches wir meist zu wenig achten und schützen … es geht um uns, um uns alle … in ihrer uns ein Stück fremden, ein Stück irgendwie aber auch vertrauten  n e u e n  Musik.
 
Bi-kulturales Sein, bi-kulturale Erfahrung ist ihr eingeschrieben in Werk und Vita; ist echt und … schmerzvoll erfahren, ist umgeschmolzen in eine besondere musikalische Sprache. Im Spagat zugleich in zwei einander fernen, fremden Kulturen zu sein ist kein Spaß – wir erkennen es an als Basis ihres Denkens und Tuns … und applaudieren. Wir möchten sie ehren, möchten sie fördern – und wir tun das, indem wir sie motivieren, etwas Neues, etwas Nächstes zu tun, das dann ihren Spagat, der ihre besondere Aufgabe ist, aufs immer Neue beschreibt.
So geschehen beim Forum neuer Musik 2015 „Ostasien modern“ im Kölner Deutschlandfunk, zuvor und hernach bei anderen Festivals Neuer Musik, später im Studio am Kölner Raderberggürtel bei Aufnahmen zu ihrer ersten CD – und hier nun heute in Heidelberg! Wir überreichen ihr unseren Preis und bekommen von ihr ein neues Stück und wünschen uns, dass sie sich weiter entwickle, weiter entfalte. Dass sie ihren anstrengenden und einsamen Weg als Tonsetzerin weiter geht und eines Tags ausreichend Spielraum und angemessene Wahrnehmung hat für ihr zwischen den Kulturen vermittelndes Tun.
 
Ich gehe in Gedanken die Liste ihrer 25 Vorgängerinnen durch – all jener komponierenden Frauen, die seit 1987 den Heidelberger Künstlerin-nen-Preis verliehen bekamen und stelle fest: Begegnungs- und Vermitt-lungs-Arbeit hat Tradition, ist untrennbar mit dem Preis-Geschehen ver-bunden. Manches Mal berührt das globale Fragen, manchmal bleibt der Rahmen eher privat, manchmal wird es politisch –> kulturpolitisch ist die Sache in jedem Fall.
 
Die Reihe der Preisträgerinnen liest sich von heute aus opulent. Chaya Czernowin, Kaija Saariaho, Unsuk Chin, Olga Neuwirth und Isabel Mundry – diese Namen haben Gewicht auf dem Markt der Neuen Musik. Hinter jedem Namen steckt indes ein konkreter einzelner Werdegang, eine in Widerständen und Widersprüchen gewachsene Biographie. Myriam Marbe, Sofia Gubaidulina, Younghi Pagh-Paan, Adriana Hölszky und Galina Ustwolskaja bekamen den Preis, bevor sie in Deutschland etabliert und bekannt waren – der Preis streckte gewissermaßen die Hände nach ihnen aus! Immer wieder verbanden sich Wagnis und Neu-gier mit ihm, Vertrauensvorschuss – ein Interesse, sich einzulassen auf etwas, was man noch nicht kennt.
 
Es geht beim Heidelberger Künstlerinnenpreis nun aber nicht einfach nur darum, weibliche Künstlerschaft zu würdigen; obgleich dies der Knotenpunkt ist. Preis-Initiatorin Roswitha Sperber verlangte stets auch die Einbettung der Gewürdigten und neu Entdeckten in den traditionellen Betrieb, die Integration der Werke der ausgewählten komponieren Frau in einen Spielplan, ins Repertoire, in die Köpfe und Herzen der Ausfüh-renden. Ein Ideal ist hier formuliert – manches Jahr kamen wir diesem sehr nah, dann wieder waren wir weiter entfernt.
 
Ying Wang bekommt den Heidelberger Künstlerinnenpreis in einem Moment, in dem uns der Preis selbst als gesichert erscheint. Politik, Kunst und Medien, konkret also die Stadt Heidelberg, Theater und Phil-harmonie, Medienpartner Deutschlandfunk und eine namhaft besetzte Jury wähnen sich im Einvernehmen darüber, sich zu diesem Preis zu bekennen, seine Tradition wertzuschätzen, sie hochhalten zu wollen, dem Preis also Zukunft zu geben. – Ist das tatsächlich so? Macht das so Sinn? Müssen wir nicht ab und an prüfen, nachjustieren, den Preis den Verhältnissen, den Bedürfnissen anpassen, ihn also weiterentwickeln?
 
Wie nötig das ist, um ihn am Leben zu halten, weiß niemand besser als Preis-Gründerin Roswitha Sperber. Die Partner, Geldgeber, Träger dieser … ja, welt-weit einzigartigen Auszeichnung … sie wechselten in den Jahrzehnten, die es den Preis nunmehr gibt, desöfteren. Roswitha Sperber war unermüdlich am Ball. Sie engagierte sich, stritt, kämpfte – sie wagte etwas, fand und verknüpfte immer neue Partner und Für-sprecher: Institutionen, Medien, Künstler, Publikum und selbstverständ-lich die Politik. – Dass es diesen Heidelberger Künstlerinnenpreis heute 30 Jahre lang gibt, das ist in wirklich allererster Linie ihr Verdienst.
 
Warum die Älteren heute Respekt und Anerkennung verdienen, und warum es für uns Jüngere, uns wohl versorgte Jüngere darum geht, diesen Respekt auch zu zollen, selbst wenn uns das Beharren, die Geradlinigkeit jener Älteren manches Mal nervt, dieses Warum Respekt! – meine Damen und Herren – hat seine Notwendigkeit in der Vergangen-heit, und ich meine damit: in der Geschichte. Die Generation vor meiner Generation, und ich meine heute vor allem die Frauen dieser Generation haben in ihren Biographien die Erfahrung des Schrecklichsten, was wir im Westen uns heute vorstellen können: Die höchst reale Erfahrung von Bombennächten, von Trümmern, von Hunger, von Besatzungssoldaten … und zwar in der Kindheit. Wer das überlebte, entwickelte für sich selbstverständlich Bewältigungsstrategien. Wie sollte man auch sonst überleben! Roswitha Sperber, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, hat früh Kunst und Kultur für sich gewählt – als Lebens-Sinn – und auf diesem Feld ist sie eigene, und auch neue Wege gegangen. Widerstand spornte sie an! In einem späteren, ganz anders anmutenden Deutsch-land wurde sie dafür mit einem Bundesverdienstkreuz geehrt.
 
Ihre Mitbürgerin, meine Damen und Herren, hat im Deutschland der 80er und 90er Jahre Musikgeschichte geschrieben mit ihrem Tun. Gehörte sie doch zu den Pionierinnen einer neuen Bewegung: Frau und Musik. Deren Ziel und Ambition: die Geschichte der komponierten Musik zu erweitern um ihren weiblichen Teil. Das hieß, komponierende Frauen in Geschichte und Gegenwart wieder zu entdecken, zu publizieren, wieder aufzuführen. Roswitha Sperber hatte sich dabei auf Gegenwart spezia-lisiert. Und seinerzeit, vor 30 Jahren ein Kulturinstitut, ein Festival, ein Festival-Ensemble und eben einen Preis ins Leben gerufen, um kompo-nierenden Frauen aus aller Welt ein Forum zu geben.
GEGENWELTEN – der Name war ihr Programm. Aber es war nicht der Gegensatz zwischen Männern und Frauen damit gemeint – das war nicht wirklich ihr Thema; Roswitha Sperber ging um die Annäherung einander fremder oder fremd gewordener Kulturen. Darum die frühe Orientierung nach Ost- und Südosteuropa, Jahre vor dem Fall des Eiser-nen Vorhangs; später auch nach Ostasien. Ziel und Vision, auf dem Weg von Kultur und Musik die alte scharfe Teilung Europas, den Gegensatz zwischen Abendland und Fernost zu überbrücken. Nicht virtuoser Spagat, vielmehr  ANNÄHERUNG DURCH VERSTEHEN, das war ihr Motto! Das war vor allem gelebte Wirklichkeit: das waren Jahrzehnte voller Engagement, das waren künstlerische Sternstunden, das war zäher Kampf gegen Windmühlenflügel, das war ein Leben oft über die eigenen Kräfte! Die Namensliste aus 30 Jahren Heidelberger Künstle-rinnenpreis ist ein komprimiertes Zeugnis davon … von all diesen vielen Aktivitäten eines ganz besonderen, besonders rastlosen Menschen.  
 
Ich [und auch das motiviert mich, hier zu Ihnen zu sprechen] – ich mei-nerseits habe von unserer Preis-Gründerin manches gelernt. Durchzu-halten zum Beispiel, nicht aufzugeben. Und, Komponistinnen nicht er-neut ins Ghetto zu sperren. Die künstlerisch tätigen Damen und Herren zu mischen vielmehr, zu kombinieren, um Zusammenhänge, Wechsel-wirkungen zwischen ihnen kenntlich zu machen. Sie hat mich darin bestärkt, dass sich Entdeckungsreisen in unbekannte Komponier-Welten weitaus mehr lohnen als in bekannte, das Neuland etwas sehr Spannen-des ist  – aber dass man auch Kraft braucht dafür, List und Geduld. Und dass man nicht ausschließlich auf eigenen Ruhm aus sein darf. Ich habe das Anfang der 90er hier in Heidelberg bei den GEGENWELTEN erlebt und heute … praktiziere ich all dies selbst … z.B. in Köln, beim Deutsch-landfunk, bei unserem Kölner Festival FORUM NEUER MUSIK.
Im Namen des Medienpartners Deutschlandfunk und als … ja, auch inzwischen dienstältestes Mitglied der Heidelberger Künstlerinnen-preis-Jury liegt es bei mir, anlässlich des heutigen Preis-Jubiläums Roswitha Sperber einen ganz großen Dank auszusprechen, ihr unsere Wertschätzung zu übermitteln, ihr unsere Hochachtung auszudrücken – zumal jetzt wo sie gewissermaßen auf dem Weg in den Preis-Ruhestand ist. Wir danken Dir für 30 Jahre Arbeit und Kampf um den Preis und wollen uns mühen, dieses Werk fortzuführen.
 
Der Heidelberger Künstlerinnenpreis hat in der Tat viel erreicht. Über-flüssig geworden scheint er mir nicht. Auf dem Gebiet der Kultur sind die Erfolge der Frauen nach wie vor ein flüchtiges Gut. Schnell sind sie zurück gerollt, wie wir in verschiedenen Weltgegenden mit Erschrecken erleben – auch in den Ländern des Westens. Das geht blitzschnell. Wir wähnen uns in einer sich immer schneller wandelnden Zeit, wir fühlen beim Blick in die Zukunft Unsicherheit! Wohin ist unsere Welt unterwegs – und wie lange kann unsere Gesellschaft in Deutschland das hier heute geltende Geschlechterverständnis aufrecht erhalten? Wir wissen es nicht, und deshalb werden wir einfach weiter machen müssen, uns zusammen raufen in einer fast nur noch von Männern besetzten Jury, damit auch nächstes und übernächstes und überübernächstes Jahr in Heidelberg hier in diesem Saal für Sie, meine Damen und Herren, ein möglichst gutes und neues Werk einer jungen Komponistin erklingt.
 
Frank Kämpfer 16.2.2017