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Antonín J. Liehm

Laudatio auf Doron Rabinovici

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
lieber Herr Rabinovici,
meine Damen und Herren,

im Holocaust wurden mehr als sechs Millionen europäischer Juden ermordet, und durch ihn verlor unser Kontinent einen großen Teil seiner schöpferischsten Bevölkerung. Genozid gab es schon vor dem Holocaust und Genozid hat, wie wir wissen, mehrfach auch nach ihm stattgefunden. Aber die Idee der Ausrottung der gesamten jüdischen Bevölkerung und vor allem ihre Ausführung, bleiben nicht nur in der europäischen Geschichte ein einmaliges Ereignis. Trotz dieser schon so oft analysierten Einmaligkeit bleibt der Holocaust eine immer währende Mahnung, die weit über dessen Einmaligkeit hinausgeht.

Meine Damen und Herren, ich möchte die Gelegenheit der heutigen Ehrung von Doron Rabinovici zu einem kurzen Nachdenken über einen Aspekt europäischer Gegenwart und Vergangenheit nutzen, der, wie ich meine, mit dieser Tragödie wesentlich zusammenhängt und dem wir fortwährend begegnen, ob wir es wollen oder nicht.

Ich möchte ihn als den „Antisemitismus“ bzw. „den Antijudaismus ohne Juden“ bezeichnen. Nach dem Holocaust haben in vielen europäischen Ländern die Juden aufgehört, als eine zahlenmäßig wichtige Bevölkerungsgruppe eine Rolle zu spielen. Und dennoch: Vor einiger Zeit im Gasthaus – mein Beispiel ist aus Nordböhmen – wird am Stammtisch beim Bier philosophiert: „An all dem sind doch die Juden schuld!“, löst einer der diskutierenden Biertrinkern entschieden das Problem. Die anderen schließen sich bereitwillig an, und schon hat das Biergerede die entsprechende Richtung angenommen. Der zufällig anwesende Gast am Nebentisch kann sich nicht mehr zurückhalten und fragt: „Gibt es hier in der Gegend viele Juden?“ Die Bierrunde wird verlegen: „Kennst Du einen Jud?“ „Nein.“ „Und du?“ „I wo ..., ist aber doch egal ...“

Ähnliches kann einem überall begegnen, und auch der den preisgekrönten Band von Rabinovici abschließende Essay zeigt dies in mehr als überzeugender Weise. Österreich, durch eigenes Verschulden in den letzten Jahren auf der Vorbühne des politischen Theaters, kann hier gleichwohl als Beispiel und als Memento dienen. Aber auch die Stammtischbrüder aus Nordböhmen gehören dazu.

In seinem Essay „Credo und Credit“ belegt Doron Rabinovici sehr überzeugend, dass Antisemitismus im Grunde eine Folge, ja ein Produkt des Christentums ist.

„Am Anfang war der Jude“, schreibt Rabinovici. „Das Abendland brauchte ihn. Der Hass gegen die Gebote des allmächtigen Vatergottes, gegen die Strenge des Monotheismus und gegen die Gesetzmäßigkeit der Kreditwirtschaft, der Herrschaft des Geldes, des Gottes aller Waren, konnte auf die Juden abgelenkt werden ...“

Aber die Stammtisch-Antisemiten von heute, die nie einem wirklichen Juden begegneten, sind nicht einmal Christen, so glaube ich jedenfalls, wie Rabinovici sie versteht. Die tschechischen Katholiken dieser Generation sind - wie schon ihre Väter und Großväter - keine eifrigen Kirchgänger, die Stimme Gottes hören sie kaum. Ihr Antisemitismus im Lande ohne Juden ist ein Aberglaube, ein Stück Folklore, der sich seit Jahrhunderten im Unterbewusstsein jener Leute herausgebildet hat, die Vorurteile und diesen bestimmten Typus von politischer Folklore existentiell benötigen, um die fehlende eigene Identität zu stärken. Sie sind keine Faschisten und im Grunde auch keine wirklichen Rassisten. Sie sind nur in erschreckender Weise unsicher und ihr „virtueller Feind“, oder „das fremde Element“, von dem sie sprechen, ist vor allem eine Stütze ihrer eigenen Nichtexistenz.
In ähnlicher Weise ist der Rassismus gegen Schwarze bzw. Araber oft am stärksten gerade in Ländern, die keine koloniale Tradition haben. In Frankreich z. B. ist die äußerste Rechte nicht nur anti-jüdisch, sondern am stärksten anti-arabisch, und zwar zum Beispiel im Elsass, wo es wenige Araber gibt.

Und da komme ich zu der Frage, über die ich mir, seit dem man mich bat, bei dieser feierlichen Gelegenheit zu sprechen, den Kopf zerbreche.
Warum denn wandte man sich gerade an mich, an einen tschechischen, nichtjüdischen Intellektuellen und forderte ihn auf, zum Werk und zur Person eines Autors zu sprechen, dessen Thematik zwar nicht jenseits seiner Interessen, doch aber sicherlich jenseits seiner Fachkompetenz liegt und der darüber hinaus schon seit über dreißig Jahren in einer tschechischen Diaspora, also in einer Art „Galut“ lebt? Aber dann, ich mag mich irren, begriff ich, dass es vielleicht gerade deshalb war.

Das Wort „Böhmen“ gibt es im Tschechischen nicht. Und dabei können wir darauf nicht verzichten, wenn wir das Geheimnis und die Einmaligkeit der tschechischen Kultur, der tschechischen Literatur begreifen wollen. Böhmen, nicht das, was man heute so unschön Tschechien nennt, war ein Land, in welchem die tschechische Kultur aus drei Wurzeln gewachsen ist: aus der tschechischen, der deutschen und der jüdischen. Ihre Sprache war tschechisch, aber ihr tiefes vorbewusstes Fundament war eben jene Symbiose von drei Kulturen, die jede genau so in ihr ihre Spuren hinterlassen hatte, wie diese in ihnen. Und dies gilt vor allem für die jüdische Kultur.

Ein anderer ausgezeichneter Essay von Rabinovici ist Leo Perutz gewidmet, dem mit Verspätung wiederentdeckten Stern am literarischen Firmament Europas im überaus wichtigen Sternbild dessen, was man als „Prager deutsche Literatur“ bezeichnet. Fast überflüssig hier zu erwähnen, dass diese Literatur vor allem jüdisch war und deutsch geschrieben wurde.

Die Josephinischen Reformen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben den Juden Österreichs die Türe der Emanzipation zu gleichberechtigten Bürgern eines zentralistisch regierten Staates unter der Bedingung geöffnet, dass sie in deutschsprachigen Schulen schreiben und lesen lernen, obwohl sie seit Jahrhunderten, vor allem auf dem Lande, in Böhmen und Mähren, in einer tschechischsprachigen Umgebung lebten. Auch die deutsch sprechenden Bürger von Prag waren nur eine kleine Minderheit unter den Tschechen. Von diesen dreißigtausend Prager Deutschen waren dabei zwei Drittel Juden. Die tschechische Umgebung hat sie alle, Juden wie Nichtjuden, geprägt. Sprachlich gerade dort am stärksten, wo den Deutschen der Hintergrund der Sprache und des Argots fehlte und „das schöne böhmische Prager Deutsch“, die Literatursprache eines Franz Kafka, entstanden ist.

Der Prager Franz Kafka spricht von der noch heute uns faszinierenden Gefangenschaft durch die Stadt, in der er lebte: „Dieses Mütterchen (Prag) hat Krallen“ schrieb er und sicherlich meinte der damit nicht nur die einmalige Gefangenschaft seiner Sprache, aber diese alten und auch neueren Themen, die die ganze Prager deutsche Literatur durchdringen und ihre so oft beschworene Einmaligkeit zum großen Teil ausmachen.

Natürlich verkehrten die deutsch schreibenden Prager Literatur in anderen Kaffeehäusern und Gaststätten als diejenigen, die sich des Tschechischen bedienten. Undenkbar aber, dass sie sich nicht auf den wenigen Quadratkilometern jenseits der beiden Moldauufer auch anderweitig begegneten, miteinander kommunizierten und sich auf verschiedenste Art und Weise gegenseitig beeinflussten.

So war es bekanntlich der Prager jüdische, deutsch sprechende Schriftsteller Max Brod, der Jaroslav Hasek und seinen „Sveik“ die Tür zur Weltliteratur aufgestoßen hat, und derselbe Max Brod war es, was allerdings schon weniger bekannt ist, der auch dem Genie von Leos Janacek zur Weltgeltung verhalf.

Und genauso wahr, obwohl noch weniger bekannt, ist, dass in der Anarchistenrunde von Jaroslav Hasek, der einmal mit seiner „Partei des gemäßigten Fortschritts im Rahmen des Gesetzes“ den Wahlkampf der etablierten Parteien ad absurdum führen wollte, des öfteren auch der „Klidas“, „der Schweiger“ Franz Kafka saß. (Die Lieblingsautorin von ihm war z. B. Bozena Nemcova mit ihrer „Babicka“, „Die Großmutter“, die noch heute in jedem tschechischen Bücherregal steht.) Es war derselbe Kafka, dessen Freunde sich ausgezeichnet amüsierten und laut lachten, während er ihnen aus seiner Prosa vorlas.

Aber bei weitem geht es nicht nur um diese zwei Riesen der Weltliteratur, um Kafka und um Hasek. Die tschechische Literatur saugte an den Leben spendenden Quellen, die wir unter den Namen Meyrink, Urzidil, Perutz, Kisch, Stefan Zweig, Kubin, Werfel und andere[n] kennen in gleicher Weise, wie diese deutsch schreibenden Schriftsteller in sich und in ihr Werk die tschechische Umgebung und nicht zuletzt auch die tschechische Literatur aufgenommen haben.

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, ob es im 19. Jahrhundert Prager jüdische Schriftsteller gab, die tschechisch schrieben. Mir fiel schließlich nur der so katholische Julius Zeyer ein und dann noch Rychlik mit seinem wunderbaren Buch „Modche und Rezi“. „Und wo bleibt Ignat Hermann, einer der populärsten und am meisten gelesenen tschechischen Autoren der Jahrhundertwende?“, warf jemand dazwischen. Ich war überrascht. Ich wusste es nicht, ich hatte es nie so gesehen. – Warum eigentlich nicht? Hätte ein nicht-jüdischer Schriftsteller mit dem Roman unter dem Titel „Beim aufgegessenen Laden“ sein populärstes Buch schreiben können?

Und so gingen sie durch die Straßen von Prag, Schriftsteller und ihre Leser, sie schrieben und sie sprachen miteinander, tschechisch und deutsch, und dies alles hinterließ tiefe Spuren in ihrem Werk, im tschechischen Humor, in der tschechischen Ironie, die so typisch für die tschechische Literatur ist. Ich wollte schon immer wissen, wo der tschechische Humor endet und wo der jüdische beginnt. Denn ohne den letzteren hätte es auch unseren Svejk, das Symbol des Tschechischen par excellence, sicherlich nicht gegeben.

Erst im amerikanischen Exil musste ich die Erfahrung machen, dass die jüdischen Witze und Anekdoten, die ich überall erzählte und die ich sozusagen fast für unsere eigenen tschechischen Geschichten hielt, denn sie haben so wunderbar unsere tschechischen Gefühle und Situationen illustriert, nicht überall zum Lachen waren. Doron Rabinovici hat ihnen auch ein Kapitel gewidmet, und er kann sie wunderbar erzählen. Ich möchte mich anschließen mit einer Anekdote, die in Böhmen am populärsten zu Zeiten des so genannten „realen Sozialismus“ war:

Herr Kohn kriecht nach einem furchtbaren Pogrom irgendwo in Galizien aus dem Keller auf die Straße. Überall liegen Leichen. Zwischen den noch rauchenden Ruinen an einer Tür festgenagelt, durchbohrt mit einem Bajonett, sieht er plötzlich seinen Freund. Löwy. Er fragt: „Was machst du hier, Löwy, es muss doch furchtbar weh tun?“ „Ah, ah, nur wenn ich lache“.

„Wollen Sie mit all dem etwa behaupten, dass es in Böhmen keinen Antisemitismus gab?“ werden Sie vielleicht fragen. Natürlich gab es ihn. Sie werden ihn auch auf Seiten der tschechischen Literatur vorfinden. Und nach dem zweiten Weltkrieg, nach der fast totalen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Böhmens , fand der tschechische Stalinismus, genug jüdische Opfer für seine Prozesse. Die Reaktion allerdings, die er sich davon bei der tschechischen Bevölkerung erhoffte, blieb aus. Die verfolgten tschechischen Intellektuellen haben gerne von sich behauptet: „Wir sind die Juden dieses Regimes“.

Im Frühsommer des Jahres 1967, am Vorabend des heute schon berühmten Schriftstellerkongresses in Prag, als die bedrohlichen Wolken des Parteiapparats über den Köpfen der Intellektuellen ganz schwarz wurden, haben sie ein Manifest verfasst und namentlich unterzeichnet, Juden und Nichtjuden, gegen die antiisraelische Politik ihrer kommunistischen Regierung während des Sechstageskrieges. Und gerade dieses Manifest wurde von der kommunistischen Partei zum Anlass eines darauf folgenden antiintellektuellen Pogroms genommen. Aber sechs Monate später kam die Antwort der gesamten tschechoslowakischen Gesellschaft: der Prager Frühling des Jahres 1968.

Und so lebten wir nebeneinander, ohne zu wissen und ohne zu fragen, wer Pesach und wer Ostern feiert. Mein Vater, Rechtsanwalt und tschechischer Nationalist, nahm einen jungen jüdischen Rechtsanwalt in seine Kanzlei auf, nachdem dieser 1938 nach dem Münchener Abkommen das Sudetenland verlassen musste. Er hieß Kurt und in der Kanzlei durfte er nicht lange bleiben. Als Ausgleich für weitere Unterstützung sollte er mir Stunden in deutscher Konversation geben. Daraus sind bald unendliche gemeinsame Spaziergänge durch Prag geworden und so hat ein deutsch sprechender Jude in den zwei Jahren, bevor er auf Nimmerwiedersehen mit einem der Transporte irgendwo im Osten verschwand, einem fünfzehnjährigen tschechischen Jungen aus einer christlichen, tschechisch-nationalen Familie beigebracht, Prag kennen und lieben zu lernen, seine Geschichte, seine Tschechen, seine Deutschen und seine Juden. Dem Jungen ist es seit dem stecken geblieben und er hat „Kurtchen“ sein Leben lang nie vergessen.

Heute ist das Land ethnisch sauber. Die Deutschen, die Juden, auch die Slowaken sind verschwunden. Es verschwand auch das, was einmal Böhmen hieß, und übrig blieb, was man heute Tschechien nennt. Die einmal so lebendige, dreieinige Quelle der tschechischen Kultur ist zu einer bloßen Erinnerung geworden. Es blieb aber der in den Kneipen vegetierende Antisemitismus, in einem Land ohne Juden.

Was wird die Zukunft bringen? Wer weiß? Auch ich gehöre immer dorthin und lebe in einer Art „Galut“. „Warum ist das so?“, werde ich manchmal gefragt. „Eine gute Frage“, antworte ich.

Und dann geht mir irgendwie nicht aus dem Kopf, wie sich Doron Rabinovici an Ben Gurion erinnert:

„Der Jüdische Staat sei noch nicht gegründet, denn dieser Staat werde ein Land des Friedens und der Gerechtigkeit sein. Vielleicht. Vielleicht im nächsten Jahr, spätestens im übernächsten“.

Meine Damen und Herren, wir alle sind Doron Rabinovici für sein kleines Buch „Credo und Credit“ zu Dank verpflichtet. Und nicht nur für dieses, und nicht nur dafür, dass er uns sagt, was wir nicht genug wussten und nicht genug verstanden haben, sondern auch dafür, dass er uns dadurch, wie er selbst über sein Thema nachdenkt, zum weiteren Nachdenken zwingt. Auch über das, was mit seinem Thema scheinbar nicht so ganz zusammenhängt und darüber hinausgeht. So ist es auch mir geschehen.

Laudatio von Antonín J. Liehm anlässlich der Verleihung des Clemens Brentano Förderpreises für Literatur der Stadt Heidelberg 2002 an Doron Rabinovici am 7. Mai 2002