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Stefan Weidner

Die Welt ist mehr als genug

Mit Clemens Brentano auf Reisen

Sehr geehrte Damen und Herren,

bis vor kurzem, und das heißt, bis mich die Stimme einer jungen Frau aus Heidelberg auf dem Anrufbeantworter mitten in der Nacht um einen Rückruf bei einer mir unbekannten Handy-Nummer bat und ich, der ich sonst zu den trägen Zurückrufern zähle, hier aus schierer Neugier, denn es war wirklich zu kurios, einen Ausnahme machte und zurückrief und die frohe Kunde erhielt, in deren Folge ich heute hier bin, bis zu diesem Tag also, so muß ich ihnen jetzt beichten, habe ich nicht zu den großen Brentano Lesern gezählt. Dennnoch mußte ich nicht lange lesen und blättern, um die Verse zu finden, die mich nun in die Lage versetzen, dem Namensgeber eines Preises in der Dankesrede mit einem Zitat zu huldigen. Dabei ist mir wieder eingefallen, was ich im Alltagsschreibgeschäft stets aus den Augen verliere: wieviel ich nämlich der Romantik und vor allem der frühen Romantik verdanke.
Beginnen möchte ich meinen kurzen Gedankengang, indem ich ihnen „froh“ – und hier zitiere ich schon – „froh die verbotenen Worte durch die Nacht zurufe:

So weit als die Welt,
So mächtig der Sinn
Soviel Fremde er umfangen hält,
So viel Heimat ist ihm Gewinn.“

Es wird hier kaum möglich sein, diese Verse in ihrer ganzen Tiefe auszuloten, sich ihre Bedeutung zu eigen und womöglich sogar zur Devise zu machen, zur Devise, also Währung für unsere Zeit, die sich doch sichtbar schwer tut, Heimat und Fremde harmonisch, im Sinne der wechselseitigen Bereicherung, zusammenzudenken.
Dennoch gehören diese Worte, die zu Brentanos Zeit noch etwas Anrüchiges hatten, (genau deshalb nannte er sie verboten) heute fast zum Common Sense gehören, und ich bin überzeugt, in einer Umfrage, wer diesen Satz für sich unterschreiben könnte, würden die meisten mit Ja antworten, sofern sie ihn überhaupt verstehen.
Gleichwohl beschleicht mich der Verdacht, daß wir dieses Gedankengut nur sehr oberflächlich rezipiert haben, und das Indiz dafür sind eben die weltanschaulichen Komplikationen, die uns gegenwärtig heimsuchen in der Auseinandersetzung mit dem Islam und den tatsächlichen oder vermeintlichen Problemen mit unseren muslimischen Mitbürgern.
So weit als die Welt, so mächtig der Sinn, lieiß Brentano 1801 seinen Romanhelden Godwi sagen. Die Bedeutung dieses Satzes ändert sich mit der Zeit und den Konnotationen von „Welt“. Die Welt, von der Brentano spricht, war ja eine noch zu erobernde –durch die Geographen, durch die Großmächte, durch einzelne Reisende und Neugierige. Niemand hat damals das von der Welt gesehen, was heute allen bekannt ist mindestens durch die Bilder im Fernsehen. Kaum jemand konnte damals in dem Ausmaß gereist, wie es, jedenfalls in unseren Breiten, fast alle können, und sei es nur als Pauschaltourist.
Auf so prächtig Weise sich also die Rede von der Weite der Welt erfüllt hätte, so kläglich steht es doch heute um das daraus folgende Versprechen von der Mächtigkeit des Sinns. Die Welt, die wir uns erschlossen zu haben glauben, ist weiter als die vor 200 Jahren. Und doch ist der Sinn überhaupt nicht mächtiger, im Gegenteil, ich würde eher sagen, er ist verzagter. Die Konsequenz daraus, die wir allenthalben bis in die Schlagzeilen und Debatten des Tages, ja bis in die aktuellsten politischen Entscheidungen zu spüren bekommen, die Konsequenz aus dieser Ohnmacht des Sinns angesichts der Weite der Welt erschließt sich klar, wenn wir uns fragen, ob das Versprechen der folgenden beiden Verse sich erfüllt:


Soviel Fremde er umfangen hält,
So viel Heimat ist ihm Gewinn.

Mögen wir auch noch so viel Fremde umfangen zu halten glauben, einen größeren Gewinn an Heimat haben wir offenbar nicht.
Wie ist es möglich, daß wir diese Verse einerseits voll und ganz verstehen, sie billigen und gutheißen, sie sich aber, - und wohl anders als für Brentano und seine frühromantischen Genossen - uns nicht einlösen, jedenfalls nicht im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang? Es liegt daran, behaupte ich, daß sich in Wirklichkeit in unserem Verhältnis zur Welt, in unserer konkreten Welterfahrung nicht viel geändert hat, daß jedoch durch die rein mediale, also eben nicht unmittelbare und selbsttägige Weltbegehung die Illusion entstanden ist, es habe sich etwas geändert. Auch wenn wir in einem banalen Sinn mehr von der Welt wissen, weiter und mächtiger ist unser Sinn nicht. Daß die Welt zusammengerückt sei, gilt heutzutage als selbstverständlich. Wir behaupten die Globalisiertheit der Welt Gibt es eigentlich in unserem Wachbewußtsein noch unglobalisierte Welt? Globalisiert ist aber das absolute Gegenteil von weit, wie Brentano es meint. Wer – wie doch wohl die meisten unserer Zeitgenossen – das globale Dorf für die Welt hält, dem kann der Sinn in der Tat nicht mächtig werden. Der wird weder Fremde noch Heimat gewinnen können. Wer der allseits verbreiteten Illusion aufsitzt, die Welt wäre tatsächlich zu einem Dorf geworden, dessen Welt ist auch so klein wie ein Dorf und er wird sich in dieser Welt wie zuhause in seinem Dorf benehmen. Der Massentourismus macht es vor, und der Sheriff in Washington macht es nach und das Ergebnis ist Ohnmacht (im übertragenen Sinne und ganz konkret, zum Beispiel im Irak) und völliges Unverständnis angesichts der tatsächlichen Welt, mit der man statt des Dorfes konfrontiert wird.
Es zählt zur Erfahrung jedes wahren, emphatischen Reisenden, daß die Welt in Wahrheit zu groß ist, um sie je zu umfassen in einem Menschenleben. Gerade dann, wenn das Reisen vermeintlich so leicht ist, wird man, wenn man mit offenen Augen herumgeht, umso krasser darauf gestoßen. Die Diskrepanz zwischen der Zugänglichkeit der Welt – in ein paar Flugstunden bin ich überall – und der gleichzeitigen Fremdheit des jeweiligen Orts war nie so groß. Mag mancher Ort früher vielleicht noch fremder gewesen sein, nie wurde man so schnell in eine solche Fremdheit gestoßen. Diese Diskrepanz ist so groß, daß wir sie oft nach Kräften verdrängen. Wir neigen dazu, das uns Gleiche, das Vertraute, das Ähnliche zu sehen, aber gerade dies ist meistens die Oberfläche.
Der Verdacht liegt nahe, daß wir die Bilder von der Welt, die bloße Vermittlung von Welt, mit der Welt selber verwechseln. Die Bilder und die Vermitteltheit der Welt haben sich ja tatsächlich vermehrt. Sie nähren die Illusion, man halte die Welt umfangen, wenn man auch nur die Bilder gesehen hat. Und was für die Bilder gilt, gilt genauso für die Worte. Lesen sie ein Buch über den Islam, und sie glauben den Islam verstanden zu haben. Und dann gehen sie in die islamische Welt, und sie finden etwas ganz anderes. Das heißt gar nicht, daß die Worte oder die Bilder falsch waren. Es heißt nur, daß Worte und Bilder eben nie genügen, nie die Welt selbst sind, nie in der Lage, sie vollständig abzubilden oder sie im Sinne Brentanos und der Frühromantik erfahrbar zu machen. Sie ermächtigen nie den Sinn so, wie Brentano es meint, den Sinn als Singular der Sinne zunächst, dann als Aufnahmefähigkeit, sozusagen Weltrezeptionsfähigkeit. Ferner, in einem Bedeutungshinterhof, der Sinn als Sinngehalt, als das was hinter den Worten und Bildern liegt, der eigentliche Gegenstand der Vermittlung, nämlich Bedeutung.
Die Bilder und die Worte sind nicht die Welt und können sie auch nie zur Gänze bedeuten. Wenn wir, wie wir immer geneigt und versucht sind, beides miteinander verwechseln, löst sich das Versprechen Brentanos, das Versprechen der (Früh)Romantik nicht ein. Um die Welt als weit zu erfahren, müssen wir sie uns gleichsam körperlich mit unseren Sinnen und unserer Sinnlichkeit erschließen.
Gleichwohl, wir alle wissen es, können – und wollen – wir auf die Bilder und die Worte nicht verzichten und natürlich wollen wir uns die Weite der Welt auch mit ihrer Hilfe eröffnen, und bisweilen geht es ja gar nicht anders. Wie dies möglich ist, ohne gleich wieder die Bilder und Worte mit der direkten Erfahrung der Welt zu verwechseln, das haben uns die frühen Romantiker vorgemacht. Das Mittel dazu ist die Literatur, und zwar nicht als naiv realistische, einer sogenannten Wirklichkeit verschriebene, die doch immer nur eine schon längst vermittelte Wirklichkeit ist; sondern als verspielte, ironische, die sich aufdrängenden Illusionen immerfort brechende. Und natürlich als eine die Gattungen sprengende und die Erwartungen im selben Atemzuge enttäuschende und übertreffende.
Das wäre, jedenfalls dem Anspruch nach, ein wenig das, was ich in meinem erzählten Essay versucht habe, wo Ernst und Ironie, Fact und Fiction, Realismus und Übertreibung eine selbst vom Autor nicht mehr zu entflechtende Mischung eingehen.
Für diese heute doch wohl nicht ganz gewöhnliche Art von Literatur einen mächtigen Sinn gehabt zu haben, dafür möchte ich Ihnen von Herzen danken.

Stefan Weidner

Dankesrede anlässlich der Verleihung des Clemens Brentano Förderpreises für Literatur der Stadt Heidelberg 2006 an Stefan Weidner am 22. Mai 2006
(in Auszügen auch abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. Juli 2006)