Logo facebook Logo Twitter Logo YouTube Logo RSS Logo YouTube Logo Instagram
Startseite / Rathaus / Stadtverwaltung / Ämter von A bis Z / Kulturamt / Kultur erleben / UNESCO City of Literature / Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an:

Dr. Andrea Edel
UNESCO City of Literature / Kulturamt
Haspelgasse 12
69117 Heidelberg
Telefon 06221 58-33000

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an:

Phillip Koban
UNESCO City of Literature / Kulturamt
Haspelgasse 12
69117 Heidelberg
Telefon 06221 58-33010

Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren

Ausschreibung 2020: Prosa

Der Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren wurde für das Jahr 2020 für Prosa ausgeschrieben.

Die Shortlist 2020

Fünf Autorinnen und Autoren haben es 2020 in die Endrunde geschafft und stellen sich Ihnen hier mit einem Textauszug ihres jeweiligen Werkes vor.

Christoph Klimke: Der Koloss

»Tief einatmen und Luft anhalten!«
Der Arzt fährt mit seinem Ultraschall-Gerät über die milchig-glibberige Masse auf dem Bauch.
»Ausatmen! Bitte drehen Sie sich auf die rechte Seite. Einatmen. Luft anhalten.«
Er, blendend gelaunt, braun gebrannt, in bester Form und gerade vom Segeln an der Nordsee retour in Berlin, so lästern wir beide über uns Mitte Fünfzigjährige und unsere Schwächen. Das gute Essen, zu viel Bier und Wein und zu wenig Bewegung.
»Wie lange ist Ihre OP jetzt her? Vier Jahre. Naja, dann wird auch nichts sein! Ausatmen. Bitte drehen Sie sich auf die andere Seite. Luft anhalten.«
Zuvor im Wartezimmer bin ich der Jüngste unter den älteren Herrschaften, denen Routine-Untersuchungen oder neue Katastrophen bevorstehen. Ich blättere in den bunten Gazetten und sehe strahlende Stars, die gütigen Königspaare, Popsternchen und schrecklich gesund aussehende Spitzensportler.
»Ausatmen.«
Ich öffne die Augen und blicke in ein sorgenvolles Gesicht. Der Arzt sitzt an seinem Bildschirm und weist mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf dieses unwirkliche schwarz-weiße Gewimmel.
»Links hier. Das ist doch die operierte Niere. Ich sehe da etwas.«
 
Ich sehe da etwas. Wie heiß es ist, wie still und wie weiß das Licht. Nichts zu hören. Nichts bewegt sich.
Ich sitze allein im Sprechzimmer. Mein Hausarzt ist längst beim nächsten Patienten nebenan. Vor dem Fenster volles grünes Wipfellaub. Die Sonne steht hoch. Amseln holen sich die letzten Kirschen aus dem Baum neben dem Kirchturm. Ich schwitze und friere. Nebenan leise Stimmen.
Das Telefon läutet.
Ich sehe da etwas. Zum zweiten Mal. Kann ein Unglück sich wiederholen? Ist es nun endgültig? Ist der Stein gefallen? Ich schließe die Augen und sehe, wie es plötzlich schneit. Ja, mitten im Sommer fällt Schnee, doch nicht auf mich, nicht in meinen Mund, nein, der Schnee fällt himmelwärts, und ich kann ihn nicht schmecken. Eisig das Blut in mir. Eisig die Haut, der Schädel, die Hand, die die andere zu halten versucht.
Ich öffne die Augen, stehe auf und schließe das Fenster. Die Amseln sind fort. Der Himmel ist beinahe weiß vor Hitze. Wie im Süden, muss ich denken, wenn das gleißende Licht vom Azur des Meeres in das Himmelblau übergeht und du nicht weißt, wo ist der Anfang, wo das Ende. Auf dem Schreibtisch vor mir der Computer, keine Zettel oder Karteikarten wie früher. Nur eine weiß lackierte Fläche, darauf elektronisches Gerät und das Stethoskop. An der Wand ein Stich: Berlin-Lichtenrade um die Jahrhundertwende. Die kleine Kirche ist zu erkennen, eine Dorfidylle schwarz-weiß.
Ich will nach Hause, mich in meiner Wohnung einschließen und nur noch warten. Abwarten. Mich einschließen für immer. Vielleicht wachsen ja Bäume in meinem Arbeitszimmer. Vielleicht bildet sich vor dem Haus in Kreuzberg ein See nach und nach. Keine Passanten mehr, keine Autos weit und breit. Nur Geräusche von Tieren. Der See wird größer und größer. Nachts spiegeln sich in ihm die Sterne. Ich werfe aus meinem Fenster Steine hinein und sehe, wie die Ringe auf der Wasseroberfläche sich weiten, um dann ganz zu verschwinden.
Ich sehe da etwas.

(Auszug aus: Christoph Klimke, Der Koloss, Radius-Verlag, Stuttgart 2018.)

Christoph Klimke. (Foto: Jörg Landsberg)
Christoph Klimke. (Foto: Jörg Landsberg)

Christoph Klimke, geb.1959, schreibt Theaterstücke und Opernlibretti: in Heidelberg wurden sein Stück "Sammlung Prinzhorn", sowie die Oper "Pym" von Johannes Kalitzke mit seinem Libretto uraufgeführt. Er publiziert Lyrik (zuletzt "Das Alphabet des Meeres" mit einem Nachwort von Günter Kunert) und Essayistik (zuletzt "Dem Skandal ins Auge sehen. Pier Paolo Pasolini") und Prosa, zuletzt die Erzählung "Der Koloss". Sein Werk wurde ausgezeichnet mit dem Förderpreis Literatur des Landes NRW, dem Alfred Döblin Stipendium der Akademie der Künste Berlin und dem Ernst Barlach Preis für Literatur. Christoph Klimke lebt in Heidelberg und Berlin.


Anne Richter: Unvollkommenheit

Je näher sie dem Genueser Zentrum und dem Alten Hafen kamen, desto stärker roch die schwüle Luft nach Fisch, Abgasen und Müll, der auch in den Straßen lagerte. Jedes Mal, wenn der Bus seine Türen öffnete, drangen die feuchte Wärme und die Gerüche zu ihnen, aber Paul schien es nicht zu kümmern; die Augen geschlossen, leicht in sich zusammengesunken, ruhte er sich im klimatisierten Bus von dem kurzem Flug aus, auf dem er zwei kleine Flaschen Wein getrunken hatte.
In der Bar Risorgimento gegenüber vom Bahnhof war es so voll, dass Marc und Paul am Eingang innehielten, die Rollkoffer erleichtert losließen, ihre schweißigen Hände abwischten, Paul an der Hose, Marc mit einem Papiertaschentuch, doch Hanka sah sie sofort und eilte ihnen aus dem Inneren der Bar entgegen: Federico! – sie hob drei Finger in die Luft, und der Barchef nickte beiläufig, ließ den Blick über die Tische gleiten, gab der Bedienung ein Zeichen.
Hanka zerrte sie hinein, umarmte beide lange, und wenn sie verwundert über Pauls Erscheinung war, ließ sie es sich nicht anmerken, auch nicht, als er mit Verweis auf die Hitze ein weiteres Glas bestellte. Federico schien sich über die lebensfrohen Gäste seiner Stammkundin zu freuen, und während Marc sich umsah, zurückhaltend Hanka musterte, Federicos Schulterklopfen freundlich zur Kenntnis nahm, ohne darauf zu reagieren, begann Paul sofort ein Gespräch mit ihm, halb auf Englisch, halb auf Italienisch, und ihr gemeinsames Lachen fügte sich in die abendliche Atmosphäre des Cafés ein.
In Genua gibt es sie noch: die alten Kommunisten und Anarchisten, und inzwischen jede Menge Globalisierungskritiker, sagte Hanka, mit dem Kopf auf Federico deutend, das hat sich auch nach dem G8-Gipfel vor ein paar Jahren nicht geändert. Im Gegenteil, fuhr sie fort, viele Genueser lassen sich nicht einschüchtern, letztes Jahr gab es wieder eine große Demo, bei der ich auch dabei war, und jetzt sind schon die Hälfte der beteiligten Polizisten verurteilt worden.
Das schmale Gesicht gebräunt, als hätte sie einen langen Sommerurlaub hinter sich, erzählte sie mit Verve, Zorn und Triumph von den politischen Geschehnissen in der Stadt, und Marc erinnerte sich an weit zurückliegende Fernsehnachrichten, Bilder von bunten Demonstranten und dunklen Polizeiblöcken, von Straßenschlachten, Feuer, Tränengas, Sturmhauben und einem jungen Studenten, der dabei zu Tode gekommen war. Die Stadt, Genua, spielte für ihn damals überhaupt keine Rolle. Noch bei der Bank angestellt, hatte er wenig Zeit gehabt, darüber nachzudenken, die Zusammenstöße, die Kehrseite des freien Welthandels, registrierte er, ohne einen Zusammenhang zu seinen täglichen Kalkulationen herzustellen: er analysierte Firmendaten hier in Frankfurt, dort in Genua trafen sich die Staatschefs. Zweifel an seiner Arbeit kamen ihm erst später, als er Paul bei seinem Stipendienaufenthalt besuchte.


(Auszug aus: Anne Richter, Unvollkommenheit, Osburg Verlag, Hamburg 2019.)

Anne Richter. (Foto: privat)
Anne Richter. (Foto: privat)

Anne Richter wurde 1973 in Jena geboren und wuchs dort auf. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Marseille studierte sie Romanistik und Anglistik in Jena, Oxford und Bologna. Seit 2003 lebt sie in Heidelberg, wo sie als freiberufliche Autorin und Sprachenlehrerin für Französisch und Deutsch als Fremdsprache arbeitet.
Sie veröffentlichte bislang die Romane „Unvollkommenheit“ und „Fremde Zeichen“ (unter dem Titel „Distant Signs“ auch in englischer Übersetzung publiziert) sowie den Erzählband „Kämpfen wie Männer“. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit Stipendien des Literarischen Colloquiums Berlin, im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf und einer Nominierung für den Ingeborg-Bachmann-Preis.
 
Weitere Informationen zur Autorin


Friedhelm Schneidewind: Das magische Tor im Kaukasus

Als das Feuer langsam niederbrannte, wurde es im Osten ebenso langsam hell. Die Sonne kündigte ihr Erscheinen an, deutlich genug, dass wir sehen konnten, mit was für riesenhaften Wölfen wir es zu tun hatten. Es waren beeindruckende, fast schon würdevolle Tiere, bei denen aber deutlich die Rippen hervorstachen. Sie waren am Verhungern, sie würden kein Pardon kennen, auch wenn wir fast alle töteten. Es würde ein Kampf sein bis zum letzten Wolf und bis zum letzten Menschen. Langsam zog sich der Ring der glühenden Wolfsaugen näher zusammen. Ohne ein Wort zu sagen, standen wir gleichzeitig auf, stellten uns Rücken an Rücken und formten ein Quadrat. Sofie und ich bildeten die eine Achse, mit unseren mehrschüssigen Waffen. Halef hatte seine Flinte und seinen Revolver, Ann hatte ich meine beiden Smith & Wesson in die Hand gedrückt. Der Kreis schloss sich enger, die Augen der Wölfe verengten sich, ihre Schnauzen waren leicht geöffnet, die Zungen hingen teilweise heraus, weiße Zähne blitzten uns entgegen. Jede Sekunde würde der Angriff erfolgen. Ich hob den Henrystutzen, um den großen Leitwolf, den ich nicht nur an seiner Größe, sondern auch seinem versengten Maul erkannte, als ersten zu erschießen.
Da erhob sich hinter den Wölfen am Rand des Talkessels eine riesige behaarte Gestalt, und eine dröhnende Stimme ertönte in tiefstem Bass, in hartem, guttural klingendem Georgisch. Später sollte ich erfahren, was die Bedeutung jener Worte waren: „Ganz ruhig. Niemand wird heute Nacht hier sterben. Ihr nicht, meine vierbeinigen Freunde, und auch ihr nicht, zweibeinige Besucher.“
Mich durchzuckte es wie ein Blitz. Ich glaubte, die Stimme zu erkennen, trotz der fremden, mir unverständlichen Sprache – doch das konnte nicht sein! Ich musste mich irren! Aber dazu diese riesige Gestalt …
Diese bewegte sich nun langsam in den Talkessel herab, aber ich konnte nichts erkennen außer einer Silhouette, denn hinter dem Riesen ging die Sonne auf. Um seinen Kopf mit den langen Haaren erschien eine Aureole, fast wie ein Heiligenschein. Der Mann neigte das Haupt hinab zum Leitwolf, und mir schien es beinahe, als würden die beiden miteinander sprechen. Dann wichen die Wölfe langsam zurück, drehten sich um und verschwanden. Die Gestalt richtete sich wieder auf und kam langsam näher; noch immer konnte ich, geblendet von der Sonne, das Gesicht nicht erkennen, sah nur einen großen Mann in einem dicken Fellmantel, der aus dem Pelz eines Bären geschneidert zu sein schien, und in seinen Händen ein riesiges Gewehr, das meinem Bärentöter kaum nachstand, in diesen Pranken aber fast zierlich wirkte.
Nun trat der Riese noch einen Schritt vor und mein Herz blieb beinahe stehen. Blitzschnell durchzuckten mich verschiedene Erinnerungen und für einen Moment auch wieder jenes Gefühl der Ehrfurcht, das ich empfunden hatte, als ich zum ersten Mal neben diesem Mann gekämpft hatte.


(Auszug aus: Friedhelm Schneidewind, Das magische Tor im Kaukasus (Karl Mays Magischer Orient, Bd. 8), Karl-May-Verlag, Bamberg 2019.)


Friedhelm Schneidewind. (Foto: privat)
Friedhelm Schneidewind. (Foto: privat)

Friedhelm Schneidewind, geboren 1958, lebt in Mannheim als Autor, Musiker und Dozent. Er hat bisher 25 Bücher veröffentlicht: 2019 "Das magische Tor im Kaukasus", 2018 "Das Neue Große Tolkien-Lexikon" und als E-Book das Vampir-Theater-Stück "Carmilla" von 1994, davor u. a. Liederhefte, die Storysammlungen "Im Weltall viel Neues" (2016), "Traum, Phantasie und Wirklichkeit" (2013), "Visionen zu Mittelerde" (2011), "Geworfen in die Ewigkeit" (1997) und "... wie schmelzen deine Blätter" (1993), die Sachbücher "Mein Mittelerde" (2011) und "Mythologie und phantastische Literatur" (2008) und Lexika über Drachen, Tolkien, Harry Potter, Himmel und Hölle, Blut und Vampire. Der Sprecher der VS-Regionalgruppe Rhein-Neckar macht Musik im Duo "Bardensang und Zauberklang" und der Mittelaltertruppe "Conventus Tandaradey".


Sofie Steinfest: div. Prosatexte

Das Sandlückensystem

Anfangs konnte da nie genug Sand zwischen seinen Zehen sein. Deshalb war sie auch gleich für die Idee mit der Strandbar-Hochzeit gewesen und dem vielen Sand. Sie mochte es, wenn der, trocken oder nass, zwischen Romans Zehen hervorquoll, sobald er einen Fuß darauf gesetzt hatte. Sie mochte es fast mehr, ihm dabei zuzusehen wie er seine Zehen eintauchte, als es selbst zu tun. Bei allem kam damals das eine dem anderen jedoch fast gleich, in dieser traumverlorenen Anfangszeit in der sie sich kaum vom ihm unterscheiden wollte.
Natürlich, niemand hätte behauptet, dass es einer Beziehung zuträglich sei, wenn die Gleichsetzung mit dem anderen übergroß wäre. Helene wusste das, aber sie fand nicht, dass sie eine Wahl hatte. Romans Ruf war ihm vorausgeeilt. Der an seine Universität war noch eher erfolgt als der, der von seiner dortigen Position selbst bis zu Helene vorgedrungen war, die nicht einmal vom Fach war. Roman befasste sich leidenschaftlich mit Lebensformen, vorzugsweise mikroskopisch kleinen.
Helene ihrerseits hatte sich nie genügend mit Biologie benetzt und so war es auch in ihrem Jahreszeugnis gestanden: "Nicht genügend". Daher konnte sie zunächst nicht wissen, was es mit dem von Roman beforschten Sandlückensystem auf sich hatte. All dem winzigen Leben, das sich allein in Zwischenräumen - zum nächsten Sandkorn und denen der Gezeiten - abspielte.
"Ein ganzes Universum entgeht dir da", das hätte er gesagt, wenn er sich Zeit genommen hätte Helene davon zu erzählen. Seit dem geschichtenhungrigen Anfang tat er das aber kaum noch.
Ihr war Roman nicht anders denn als Forscher vorstellbar. Mehr noch, war sie sich selbst zusehends nicht mehr vorstellbar, außer neben ihm. Roman hatte früh begonnen mit dem Veröffentlichen seiner bahnbrechenden Forschungsergebnisse, und mit der Liebe umso später. So sagte er es jedenfalls, und was Roman sagte war stichhaltig und daher nichts, das beim leisesten Anstoß wie eine Sandburg in sich zusammenfallen würde.
Helene hätte, wäre sie ähnlich vom wissenschaftlich Nachweisbaren beseelt gewesen wie Roman, sagen können, dass sie einander nie abseits des Strandes getroffen hätten, wo Roman gerade Proben entnommen hatte. Aber derlei lag ihr nicht. Weder das druckreife Denken, noch die sich selbst betrachtende Rede über eine objektive Wirklichkeit, die da draußen zu finden wäre. Sie blieb lieber bei sich, wovon sie etwas mehr zu verstehen glaubte.
Sie dachte viel über sich nach. Und in ihren Augen machte es kaum einen Unterschied, ob es sich dabei um erdachte oder vorgefallene Ereignisse handelte, oder handeln würde, die sie so in sich abhandelte. Vor allem im Vergleich zu Roman wirkte sie solcherart weltvergessen. Immer war sie mit Inbrunst dabei sich Dramatisches auszumalen. Und nein, sie ging nicht gerne ins Theater. Wozu auch? Das Beziehungsleben bot ausreichend Anlass, sich an der Dramatik ungesunder Verstrickungen von und zwischen Menschen aufzureiben. ...


(Auszug aus: Sofie Steinfest, Das Sandlückernsystem, erschienen in: DUM – Das ultimative Magazin, Jahrgang 22, Nr. 91/2019, Oktober 2019.)


Sofie Steinfest. (Foto: Robert Marcus Klump)
Sofie Steinfest. (Foto: Robert Marcus Klump)

Sofie Steinfest, 1972 in Wien geboren, ist, nach einem langjährigen Ausflug in den französischen Sprachraum, vor 17 Jahren nach Heidelberg geraten. Im vergangenen Jahrtausend hat sie sich als Wortstellerin bezeichnet, weil sie nicht ans Erzählen geglaubt hat. Inzwischen hat sie zwei Studienabschlüsse, die nach Auffassung vernünftig denkender Menschen nicht zusammenpassen und hat nie irgendein Institut gegründet. Was keinesfalls heißen soll, dass das vielleicht noch kommt. Für ihren Roman “Die Geburtsstunde der Donaustörung” sucht sie noch einen Verlag und verfasst daher, um auf sich aufmerksam zu machen, Kurzprosa und Lyrik die in Literaturzeitschriften, Anthologien und auf Nominierungslisten anzutreffen sind. Sie ist Mitglied der IG AutorInnen (Ö) und der Literatur-Offensive (Heidelberg).


Andrea Willig: Die Eule

August 1993, Heidelberg, Marktplatz
Der erste Kuss, eine Erlösung. Der Moment der ersten Berührung.
Der Mut, sich berühren zu lassen, selbst zu berühren.Jede Bewegung ein Abenteuer, Zutrauen fassen, sich weiterwagen. Bis die Körper mit einem Mal von alleine losgehen.Weg mit der Kleidung, während die Lippen nicht loslassenkönnen. Elektrisiert Haut auf Haut. Umklammert aufs Bettsinken. Der Gipsklotz am Bein, der mich fixiert auf der Stelle,den ich nicht abstreifen kann, der sich nicht austricksen lässt,auch nicht im Furor der Gier. Eine gemeinsame Lachattackeüber uns selbst. Ergeben, mit zittriger Eilfertigkeit die einziggeeignete Stellung ausfindig machen und – sich vereinigen!Einen Atemzug lang nur spüren, dann langsames Aufschaukeln.Wider den Klumpfuß, der plump und beharrlich aufragtim Meer der Gefühlswallung. Trotzdem die Welle reiten, inSchräglage, fast bis zum Kentern. Waghalsig weiter hinaussegeln.Immer wieder den Kurs korrigieren, um nicht über Bordzu gehen. In der Umarmung siegesgewiss Täler und Kämmedurchpflügen. Unerwartet schon Abgrund in Sicht und jähdas gemeinsame Stürzen.Ein Lidschlag im Nichts. Verwundert erwachen wie vonweit her auf dem schmalen Sofa. Sich wiederfinden, in eingelöstes Gesicht schauen. Umschlungene Atempause. ≫ImGrunde habe ich immer nach dir gesucht, Toni, ohne es wirklichzu tun. Ich habe dich vermisst, seit dem Abschied amHeumarkt mit fünf.≪

Salamanca, 26. September 2016
Eine gesegnete Generation, ja, so würde ich uns nennen.
Keine Achtundsechziger, keine zornigenRevoluzzer mit Marx im Gepäck und im Dauerclinchmit dem System. Ich sowieso nicht, ich war nie ernsthaft politisch,immer Musik. Und doch war ich Teil dieses flackerndenBündnisses aus Naiven und Aggressiven, Träumern, Freaksund Kreativen, Hippies, Phantasten und Ideologen, teils inbrisanten Mischformen. Unter den langen Haaren klafften dieIdeen weit auseinander. Eine fiktive Gemeinschaft im Grunde,eine trügerische Bewegung, wäre da nicht diese eine Einigkeit,dieses tiefe Wissen gewesen, das uns alle verband: Das Altemuss weg!Heute weiß ich, dass wir zwar furchtbar rebellisch, aber auchrecht komfortabel auf den Ausläufern des Wirtschaftswunderssurften. Generationen in weniger prosperierenden Zeiten, mitschärferem Konkurrenzdruck verfolgen andere Ziele, beziehenihre Kraft nicht daraus, dagegen zu sein, sehen im ›System‹, Industrie,Staat, Polizei, nicht ihren natürlichen Feind. Und ihreBestimmung nicht darin, sich zu verweigern und die Gesellschaftneu zu erfinden. Aber wir, wir waren so, wir wollten allesverändern, uns ausleben und wir haben es getan. Die Sechzigerjahre-Protestler hatten den Weg bereitet. Die Umstände habenes zugelassen. Und …Liebe Toni, ich langweile dich doch hoffentlich nicht? Ich bineinfach überzeugt, dass – ich denke, es war ein, wie soll ich sagen,ein ›funkelnder Augenblick im Schicksalsrad der Zeit‹. Soungefähr. Ein berauschendes Alles-ist-Möglich. Nicht zuletztdurch die Erfindung der Pille, der licence to love! …

(Auszug aus: Andrea Willig, Die Eule, Edition Essentials, Heidelberg 2018.)

Andrea Willig. (Foto: Luca Siermann)
Andrea Willig. (Foto: Luca Siermann)

Andrea Willig, geboren in Bad Kreuznach, studierte in den Siebzigerjahren in Heidelberg. Sie teilte die Anliegen der Studentenbewegung, genoss die rebellische Zeit und schrieb für die Rhein-Neckar Zeitung und das Regionalmagazin Was Gibt’s. Dem Magister-Examen in Literatur, Linguistik & Philosophie folgten beschauliche Jahre auf Ibiza und rasante Monate in New York u.a. mit Jobs als Deutschlehrerin und Filmassistentin. Zurück in Heidelberg fing sie bei einem der neu entstandenen Privat-Radiosender als Redakteurin an. Aus Pionierarbeit wurde Beruf. Mit Freunden auf Indienreise startete sie ein Schreibprojekt, schrieb zuhause weiter und es entstand ihr erster Roman DIE EULE. Sie ist Mutter einer Tochter und lebt in Heidelberg.
 
Weitere Informationen zu Autorin und Werk


Aus der Shortlist wählt eine Jury - 2020 bestehend aus Hans Lösener, Werner Nikisch, Eva Reis, Miriam Tag und Martina Senghas - die Preisträgerin oder den Preisträger aus. Die Bekanntgabe, wem der Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren 2020 zuerkannt wird, erfolgt voraussichtlich Anfang Juli.

Zum Preis

Seit Heidelberg 2014 zur UNESCO City of Literature ernannt wurde, hat sich über zahlreiche neu gegründete Gremien und Projekte verstärkt gezeigt, welch lebhafte und engagierte Literaturszene die Stadt auszeichnet. 
 
Der Preis würdigt herausragende literarische Leistungen von Autorinnen und Autoren der UNESCO City of Literature Heidelberg und stärkt damit sowohl die gegenseitige Vernetzung und Wertschätzung der Heidelberger Literatur- und Autorenszene als auch deren Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Der Preis setzt einen nachhaltigen Akzent in der UNESCO City of Literature und erhöht nicht zuletzt ihre Wahrnehmung und Relevanz.

Der Preis besteht aus einem Preisgeld von 1.000 Euro, gestiftet von Sponsor Alnatura (Heidelberg-Weststadt), sowie einem hochwertigen Füllfederhalter der Firma Lamy.

Veranstalter für die Auslobung und Verleihung des Preises ist die Heidelberger Autorinnen- und Autorenversammlung. Kooperationspartner sind die Stadtbücherei und das Kulturamt Heidelberg.

Rückfragen bitte ausschließlich per E-Mail an Preis-der-Heidelberger-AutorInnen@web.de