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Radfahrer (Foto: Rothe)

„Wissenschaftsstadt Heidelberg“
Analysen und Strategien

Strategiepapier zur Entwicklung der Wissenschaftsstadt Heidelberg von Professor Dr. Peter Meusburger.
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Räumliche Nähe als wesentliche Voraussetzung für Spitzenforschung

Strategiepapier Wissenschaftsstadt im Gemeinderat vorgestellt

Der Heidelberger Gemeinderat diskutierte in seiner gestrigen Sitzung ein Strategiepapier zur Entwicklung der Wissenschaftsstadt Heidelberg. Autor des Papiers ist Professor Dr. Peter Meusburger, der sich an der Universität Heidelberg seit langem mit kreativen Milieus, Wissensmilieus, Wissenschaftsstädten sowie der Mobilität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern befasst.

Meusburger verweist in seinem Papier auf die besondere Bedeutung der Spitzenforschung für die Entwicklung eines Wissenschaftsstandortes. Häufig werde der Fehler gemacht, alle wissenschaftlichen Einrichtungen über einen Leisten zu schlagen. Tatsächlich gebe es jedoch erhebliche Unterschiede. So gibt es beispielsweise mehr als 400 Hochschulen in Deutschland. Aber nur drei davon – darunter die Universität Heidelberg – sind unter den weltweit besten 100 Hochschulen etabliert.
 
Um die Ressourcen hierfür – Forschungsgelder, aber auch die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – besteht ein weltweiter Wettbewerb. Von den Erfolgen in diesem Wettbewerb profitiert die Heidelberger Bevölkerung vor allem über wirtschaftliche, aber auch über gesellschaftliche und kulturelle Effekte. Zu der Spitzenforschung in Einrichtungen wie Universität, Uni-Klinikum, DKFZ, NCT, EMBL oder den Max-Planck-Instituten kommen weitere positive Effekte für die Stadtgesellschaft über die stärker auf die Lehre ausgerichteten Hochschulen wie die SRH oder Einrichtungen für angewandte Forschung und Entwicklung, etwa in Zusammenarbeit mit Unternehmen und dem Technologiepark.
 
Spitzenleistungen in der Grundlagenforschung benötigen jedoch besondere Rahmenbedingungen, betont Meusburger. Ganz wesentlich sei die räumliche Nähe zu ebenfalls exzellenten Kooperationspartnern und – damit direkt verbunden – eine hohe Wahrscheinlichkeit von zufälligen Begegnungen von Spitzenwissenschaftlern aus angrenzenden Disziplinen. Denn es sei längt erwiesen, so Meusburger, dass in der Grundlagenforschung entscheidende Neuerungen häufig gerade aus diesen zufälligen Zusammentreffen entstehen. In den Natur- und Lebenswissenschaften, wo die Spitzenforschung auf eine sehr teure Forschungsinfrastruktur angewiesen ist, sei die Bedeutung der Nähe noch wichtiger als in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Nur wenige Orte auf der Welt bieten diese Konstellation. Heidelberg ist einer davon. Das gilt insbesondere für das Cluster aus Lebens- und Naturwissenschaften, Klinikum und Computerwissenschaften im Neuenheimer Feld, in das über die Jahrzehnte rund 3,5 Milliarden Euro investiert worden sind. „Die hohe Dichte an hochkarätiger Forschungsinfrastruktur und die kurzen Distanzen zwischen Wissenschaftlern mit weltweiter Reputation werden als der größte Standortvorteil des Campus Im Neuenheimer Feld angesehen“, so Meusburger. „Diese Konstellation ist ein entscheidender Grund, warum Heidelberg in nationalen und internationalen Rankings immer unter den drei Bestplazierten liegt und im Vergleich mit den beiden Münchner Universitäten gelegentlich die Nase vorn hat.“
 
„Viele denken, das Internet erlaubt es heute, an jedem Ort der Welt Wissenschaft zu betreiben“, erklärt der Geograph. „Im Bereich der Spitzenforschung aber ist das Gegenteil der Fall.“ Das Internet erleichtert zwar die tägliche Routine des Informations- und Datenaustausches, aber es ersetzt keine Denk- und Forschungsprozesse.

Andere Wissenschaftsbereiche wie die angewandte Forschung oder vorwiegend auf Lehre konzentrierte Hochschulen hätten dagegen geringere Anforderungen an das Kontaktpotenzial und die Forschungsinfrastruktur. „Sie können deshalb theoretisch an vielen Orten angesiedelt werden“, heißt es in dem Papier. Deshalb sind laut Strategiepapier in den kommenden Jahren die folgenden Fragen zu beantworten:
 
Welche Arbeitsplätze der internationalen Spitzenforschung müssen auf jeden Fall im Neuenheimer Feld verbleiben, weil sie nur dort die Infrastruktur und das notwendige Kontaktpotenzial vorfinden, um in der Forschung international erfolgreich zu sein? Welche Art von Forschungsaktivitäten können in die Bahnstadt, die Patton Baracks oder in das Patrick Henry Village verlagert werden? Welche Arten von Arbeitsplätzen in Forschung und Lehre können – ohne Beeinträchtigung der Forschungsleistung – an beliebigen anderen Orten in Heidelberg angesiedelt werden?
 
Da die Spitzenforschung in den Lebenswissenschaften, der Physik, Chemie, Mathematik und Informatik, der Medizin und in den Kliniken nur im Neuenheimer Feld ideale Voraussetzungen vorfinde, müsse es auf lange Sicht auch hier eine Erweiterung des Flächenangebotes geben, heißt es in dem Strategiepapier. Niemand könne voraussagen, welche neuen Forschungsfelder, Methoden, Forschungsgeräte und Behandlungsmethoden in 30 bis 50 Jahren entstehen werden. „Sicher ist nur, dass eine Wissenschaftsstadt, die international wettbewerbsfähig bleiben und ihrer Bevölkerung auch in Zukunft eine exzellente Gesundheitsversorgung bieten will, Vorsorge treffen muss, dass solche neuen Entwicklungen auch im Campus Neuenheimer Feld möglich sind.“

Die Analyse benennt zudem weitere Handlungsfelder, beispielsweise ein verstärktes Engagement für die Gründung wissensintensiver Unternehmen, eine stärkere Sichtbarkeit der Wissenschaften in Heidelberg, eine engere Zusammenarbeit von Schulen und Wissenschaft oder die Verbesserung der Datennetze.

Für seine Analyse wertete Meusburger zahlreiche Studien aus und befragte führende Akteure der Wissenschaftslandschaft in Heidelberg. Die Arbeit wurde unterstützt durch die Stadt Heidelberg. Der Gemeinderat nahm das Strategiepapier in seiner Sitzung vom 6. Oktober zur Kenntnis.