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Pressemitteilungen 2011
Oktober 2011
Pressetext Tag der seelischen Gesundheit
Jeden kann es treffen – psychische Krankheiten im Fokus
Kulturfest der Heidelberger Initiative Psychiatrie Erfahrener (HEIPER) zum Welttag der Seelischen Gesundheit am 07. Oktober 2011
Zum diesjährigen Welttag der Seelischen Gesundheit veranstaltete die Heidelberger Initiative Psychiatrie Erfahrener (HEIPER) am Freitag, den 07. Oktober 2011, einen Abend mit Poesie, Literatur, Musik und kulinarischen Genüssen.
In den Räumen der Psychiatrischen Tagesstätte des Diakonischen Werks in Heidelberg wartete das zahlreich erschienene Publikum gespannt auf den Poeten und Verseschmied Frank G. Weiser und den Autor Hartmut W. Haker, umrahmt von der Band „Skip Jackers“, die voller Schwung mit Oldies und Eigenkreationen die Räume zum schwingen brachten. Das Besondere an diesem Mix an Künstlern ist, dass sie alle Psychiatrie- und Psychoseerfahrene sind.
Die Verse, die Frank G. Weiser vortrug, beschreiben das reale Leben der psychisch Kranken in unserer zu sehr von Egoismen und Leistungsansprüchen durchwachsenen Gesellschaft. Funktionieren ist das Motto, und das erfüllen eben diese so genannten Kranken nicht.
„Die seelisch kranke harsche Meute, mit unlogisch krassen Sprüchen, zählt im Fokus „normaler“ Leute zu stinkigen Gerüchen“, hallte seine Stimme durch die Zuschauerreihen. Bewegt und schweigend verfolgte das Publikum seine Verse: „Von kranken Hirnen aller Klassen, dozieren sie bewegte Schriften, wie lassen sich die trüben Tassen psychisch straffen, heben, liften?“
Der in Schwerin geborene und jetzt in Stuttgart lebende 37-jährige Autor Hartmut W. Haker las aus seinen vier Büchern. Der Beweggrund, seine Geschichte aufzuschreiben, so sagte er, sei die Aufklärung über psychische Krankheiten. Informationen dazu sollten für jeden zugänglich gemacht werden. Er bemerkte, dass jeder fünfte Deutsche an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung leide. Und er fuhr fort, dass es eine verbreitete ablehnende Haltung gegenüber psychisch Erkrankten in der Bevölkerung gibt. Seine Bücher sollen zeigen, dass diese Menschen einen uneingeschränkten Wert und eben nur das Pech haben, von diesen Krankheiten betroffen zu sein.
In seinem ersten Buch “Station 23 – Begegnungen in der Psychiatrie”, das den Ausbruch seiner schizo-affektiven Psychose beschreibt, als er 20 Jahre alt war, schreibt Professor Broocks, Ärztlicher Direktor der Schweriner Flemming-Klinik: „Hartmut W. Haker erkennt allmählich, dass ihn all diese quälenden Fragen und Grübeleien nicht weiterbringen. Er ist einfach krank geworden, so wie jeder von uns krank werden kann. Punkt. Jeder muss lernen, mit seinen Möglichkeiten und Einschränkungen zu leben. Hartmut W. Haker versteht es, seine Erfahrungen so einfach und ungefärbt zu beschreiben, dass auch so genannte „normale Menschen“ verstehen und nachvollziehen können, was es bedeutet, von einer Psychose betroffen zu sein. Die begreifen beim Lesen auch, dass ihre bisherigen Vorstellungen und vielleicht auch Vorurteile über psychisch erkrankte Menschen so nicht stimmen.“ Haker hat sich auch die Mühe gemacht und 16 Interviews mit seinen Mitpatienten festgehalten. Eines, in dem ein älterer Patient behauptete, er sei der Sohn von Elvis Presley, trug er lächelnd vor.
Aus seinem zweiten Buch „Mein Feuerzeug“, in dem ein lebendiges Feuerzeug der Protagonist ist, das eine Woche aus dem Leben von Haker beschreibt, zitiert der Autor: „Geht es doch immer wieder um das Überschreiten der Grenzen der Alltagswelt und das Gewahrwerden einer tiefen Ungesichertheit und Abgründigkeit in allen, nur scheinbar festgefügten Lebensbezügen.“
Aus dem Buch „Weihnachten in der Stadt“ las der Autor nur eine kurze Passage vor. Ein junger Mann denkt über seinen Weg nach und sucht nach dem Augenblick, der ihm gut tut. Und dieser Gedanke führt ihn zur Helligkeit, zum Licht, zum Licht der Welt: „Immer sucht man nach dem erleuchtenden Augenblick – hier in ihm, um ihn herum, war er...“.
In Hakers erst im letzten Jahr erschienenen Buch „Wer hinterm Vorhang steht“ erlebt der Protagonist Paul Vorahnungen, hört Stimmen und wird in Träumen gewarnt. Er wird gequält von existentiellen Fragen, sucht nach Antworten und wird von inneren Impulsen und geistlichen Erkenntnissen überschwemmt. Sein Leben und seine Seele sind in Gefahr, aber Behutsamkeit und seine Offenheit zeigen ihm einen Weg heraus aus dem Dickicht. Ein Arzt kommentierte das Buch als Hilfe, mutig voranzugehen, sich den großen Fragen und Herausforderungen des Lebens zu stellen, denn es gibt ihn: den Weg – für jeden von uns.
Abschließend spricht Haker von seinem Leben heute in Stuttgart, wo er in einem Ingenieurbüro als Technischer Zeichner arbeitet. Hoffnungsvoll spricht er von den „Waffen“, die er gegen seine Krankheit habe. Nicht gleich die Nerven verlieren, wenn Ängste kommen oder sich die Wirklichkeit nicht mehr eingrenzen lässt. Seine lange Psychiatrieerfahrenheit, sein Umgang mit seiner Krankheit, kann anderen Betroffenen Mut machen.
Letztendlich machte der ganze Abend Mut. Es gab viele Fragen und gute Gespräche und es war zu merken, dass ein großes Interesse an diesem Thema besteht und es wichtig ist, den psychisch Kranken in unserer Gesellschaft eine Chance zu geben, mit Ihrem Handicap umzugehen und ihr Leben zu gestalten.



