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Neue Südstadt: „KulTour“ zum zehnten Geburtstag der Konversionsfläche

Vier Orte, vier Perspektiven

Wie verändern sich ehemalige Militärgebäude, wenn Kultur und Kreativität dort einziehen? Wie können historische Orte eine neue Bedeutung für die Stadtgesellschaft gewinnen? Zehn Jahre nach Beginn der Konversion auf dem Areal der neuen Südstadt in Heidelberg wird der Wandel anhand von vier Kulturinstitutionen besonders deutlich: dem Mark Twain Center, Karlstorbahnhof, MARLENE 42 und der Chapel. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Martina Pfister, Gero Seidler von der Konversionsgesellschaft Heidelberg mbH und den Verantwortlichen der Institutionen ging es bei einer Führung mit dem Motto „KulTour“ um die Geschichten der Gebäude, ihre heutige Nutzung und neue Projekte.

Gruppenbild bei der Führung in der neuen Südstadt mit Bürgermeisterin Pfister
Eine Tour durch die neue Südstadt führte zu besonderen Orten der Kultur und Kreativität: Bürgermeisterin Martina Pfister (2. v. r.) besuchte das Mark Twain Center, den Karlstorbahnhof mit dem Karlstorkino sowie MARLENE 42 und tauschte sich mit den Verantwortlichen der Einrichtungen über die Entwicklung der ehemaligen militärisch genutzten Gebäude zu lebendigen Kulturorten aus. Von links: Katharina Pelka (Kultur- und Kreativwirtschaft Stadt Heidelberg), Dr. Uwe Wenzel (Direktor Mark Twain Center), Gero Seidler (Konversionsgesellschaft Heidelberg mbH), Daniel Wachter (Geschäftsführer Medienforum Heidelberg e.V.), Cora Malik (Geschäftsführerin Karlstorbahnhof), Bürgermeisterin Martina Pfister und Nadine Hülden (Geschäftsführerin Heidelberger Dienste). (Foto: Philipp Rothe)

„In der neuen Südstadt ist in den vergangenen zehn Jahren etwas Besonderes entstanden: Wo früher militärisch genutzte Flächen waren, haben mit dem Karlstorbahnhof, dem Mark Twain Center und MARLENE 42 drei ganz unterschiedliche Einrichtungen ihren Platz gefunden. Sie stehen für unterschiedliche Facetten von Kultur und Kreativwirtschaft und haben sich zu wichtigen Orten entwickelt, die weit über die Südstadt hinauswirken. Das ist ein großer Erfolg der Konversion und zeigt, wie gut Städtebau und kulturelle sowie wirtschaftliche Nutzung zusammenspielen können: Neue Räume schaffen neue Möglichkeiten – und die drei Institutionen geben dem Stadtteil Leben, Identität und Strahlkraft“, erklärte Bürgermeisterin Martina Pfister bei der „KulTour“ am Mittwoch, 28. Oktober 2026.

Mark Twain Center – Geschichte bekommt einen neuen Ort

Das Gebäude des Mark Twain Centers (MTC) entstand im Jahr 1937 als Offizierskasino für ein Infanterieregiment der deutschen Wehrmacht und zeigt markante bauliche Spuren aus diesem Teil seiner Geschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente es bis ins Jahr 2013 als Hauptquartier der US-Armee in Europa, von dem aus bis zu 250.000 Soldatinnen und Soldaten während des Kalten Kriegs und der militärischen Einsätze in Ex-Jugoslawien, Afghanistan und dem Irak befehligt wurden.
 
Eröffnet im Mai 2022, zeigt das Mark Twain Center für transatlantische Beziehungen (MTC) heute eine große multimediale Ausstellung, die auf neuartige Weise die gemeinsame Geschichte von Deutschen und US-Amerikanern lebendig werden lässt. Mit der Einrichtung des MTC erinnert die Stadt Heidelberg an die vielfältigen Verbindungen der Kommune mit den Vereinigten Staaten und den Wandel der Beziehungen von Kriegsgegnern zu Partnern und Freunden in der Nachkriegszeit. Das Gebäude des MTC wurde zwischen 2018 und 2022 für die Nutzung als Ausstellungs- und Veranstaltungsort instandgesetzt. Die Gesamtkosten für Instandsetzung und Ausbau wurden aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ finanziell gefördert.

Im Mittelpunkt der Dauerausstellung auf gut 900 Quadratmetern stehen die deutsch-amerikanischen Beziehungen aus Heidelberger Perspektive – von der Nachkriegszeit und der Demokratisierung sowie den Protesten und Konflikten im Verhältnis bis zu den gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen. Zeitzeugenberichte und persönliche Geschichten ergänzen die historische Einordnung und machen die Geschichte des Ortes unmittelbar erfahrbar.
 
Vor diesem historischen Hintergrund organisiert das Team des MTC Sonderausstellungen, wissenschaftliche Projekte sowie Kultur- und Bildungsveranstaltungen zu den Themen globale Sicherheit, Demokratie und Menschenrechte. Das MTC ist Teil des Kurpfälzischen Museums der Stadt Heidelberg.
 
Seit der Eröffnung haben rund 40.000 Menschen die Dauer- und Sonderausstellungen sowie die Kultur- und Bildungsveranstaltungen des MTC besucht. Dabei kommen die Gäste zu jeweils einem Drittel aus der Rhein-Neckar-Region, aus Deutschland und der Welt.

Karlstorbahnhof und Karlstorkino - Kultur und Begegnung im neuen Stadtteil

Bild in einem Kreativen Geschäft in der MARLENE 42
In MARLENE 42 gab es einiges zu entdecken: Kleine kreative Schätze, besondere Ideen und inspirierende Einblicke – zum Beispiel im Geschäft und Atelier „Noordvint“ von Elke Tadjalli Mehr. Von links: Bürgermeisterin Martina Pfister, Inhaberin Elke Tadjalli Mehr und Nadine Hülden, Geschäftsführerin Heidelberger Dienste. (Foto: Philipp Rothe)

Der Karlstorbahnhof und das Karlstorkino sind heute in einer ehemaligen Reithalle der Campbell Barracks untergebracht. Das Gebäude entstand in den 1930er Jahren als Teil der damaligen Großdeutschlandkaserne und wurde später von den US-Streitkräften genutzt. Nach einem Vierteljahrhundert Kulturarbeit in der Heidelberger Altstadt zogen die beiden Betreibervereine Karlstorbahnhof und Medienforum Heidelberg gemeinsam im Oktober 2022 hierher um. 2019 bis 2022 wurde die Halle umfassend umgebaut: Sie wurde entkernt, schadstoffsaniert und technisch erneuert, außerdem entstand ein neuer Vorbau. Auf rund 5.850 Quadratmetern Bruttogrundfläche befinden sich heute unter anderem der große Saal, Theater, Kino und Klub. Der große Saal bietet 482 Plätze, der Klub bis zu 200. Die Sanierung und der Umbau wurden im Rahmen der Städtebauförderung „Stadtumbau West“ von Bund und Land unterstützt.  
 
Seit dem Umzug haben sich beide Institutionen auch hinsichtlich Programmumfang und Besucherzahlen weiterentwickelt. Im Jahr 2025 gab es im Karlstorbahnhof 1.018 Veranstaltungen mit insgesamt 90.520 Gästen. In dem Soziokulturellen Zentrum arbeiten inzwischen 67 Beschäftigte inklusive Aushilfen. Die größeren und unterschiedlich nutzbaren Räume ermöglichen zudem Veranstaltungen für bis zu 713 Personen. Spannend ist auch die Spannbreite des Programms, das von kleinen, niedrigschwelligen Angeboten zum Mitmachen bis hin zu gefragten Auftritten internationaler Künstler reicht. Auch das Karlstorkino konnte 2025 mit seinem vielseitigen Programm Rekordzahlen verbuchen: 21.646 Gäste besuchten 677 Filmvorstellungen.
 
Räumlich sind Karlstorbahnhof und Karlstorkino stark mit ihrem neuen Umfeld verbunden. Das Gebäude liegt am Marlene-Dietrich-Platz und am „ANDEREN PARK“ und damit unmittelbar zwischen den neu entstandenen Wohn- und Freiräumen. Mit der „Zentrale“ gibt es im Karlstorbahnhof einen offenen Bereich mit Café, Mittagstisch, Workshops und weiteren Angeboten. Auf dem Marlene-Dietrich-Platz fanden seit der Eröffnung rund 70 Veranstaltungen des Karlstorbahnhofs statt sowie 25 Open-Air-Filmvorführungen des Karlstorkinos. Die Verbindung zum Quartier zeigt sich auch in regelmäßigen Kooperationen mit Einrichtungen, Vereinen, Kreativschaffenden und Initiativen aus der Südstadt. Karlstorbahnhof und Karlstorkino sind heute nicht nur Veranstaltungsorte, sondern auch Anlaufpunkte im neuen Stadtteil. Sie verbinden den Kulturbetrieb mit dem öffentlichen Raum und bietet neben Veranstaltungen auch Möglichkeiten für Begegnung, Beteiligung und eigene Aktivitäten.
 

MARLENE 42 - Kultur- und Kreativwirtschaft

Mit dem Gebäude MARLENE 42 hat die Stadt Heidelberg auf den ehemaligen US-Flächen Räume für Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft geschaffen. Das Zentrum unterstützt junge Unternehmen und Selbständige dabei, sich zu entwickeln. Die Heidelberger Dienste gGmbH setzen das Projekt in enger Abstimmung mit der Stabsstelle Kultur- und Kreativwirtschaft um und betreiben das Zentrum. Dabei bietet das Gebäude neue Arbeitsplätze für Menschen, die den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt suchen. Die Vermietung des Südflügels begann im April 2025. Insgesamt stehen auf rund 1.500 Quadratmetern Räume zwischen 15 und 170 Quadratmetern zur Verfügung.
 
Inzwischen sind 15 Unternehmen mit rund 50 Mitarbeitenden in der MARLENE 42 beheimatet, tätig in den Bereichen Tanz, Architektur, Werbung, Softwareentwicklung, Kunstmarkt, Illustration und Buchmarkt. Vier Unternehmen sind neu nach Heidelberg gekommen. Die übrigen haben sich innerhalb der Stadt weiterentwickelt und sind wegen ihres veränderten Raumbedarfs umgezogen. Die Sanierung und der Umbau wurden im Rahmen der Städtebauförderung „Stadtumbau West“ von Bund und Land bezuschusst.
 
Die räumliche Nähe erleichtert die Zusammenarbeit, regelmäßige Kaffeepausen fördern den Austausch im Haus. Auch der monatliche IdeenLunch der Stabsstelle Kultur- und Kreativwirtschaft bringt die Branche zusammen. Das Netzwerktreffen findet abwechselnd in der MARLENE 42 und im DEZERNAT#16 statt. Noch sind nicht alle Flächen belegt. Aktuell sind noch wenige Räume zwischen 70 und 170 Quadratmetern frei. Informationen zu den Angeboten gibt es unter www.kreativwirtschaftszentren-heidelberg.de/raumangebote.
 
Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Heidelberg ist ein wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor. Rund elf Prozent aller Betriebe zählen dazu. Mit rund 6.000 Erwerbstätigen in 630 Betrieben und einem Jahresumsatz von über 592 Millionen Euro liegt die Wirtschaftsleistung der Heidelberger Kreativschaffenden über dem Bundesdurchschnitt.

Bürgerzentrum in der Chapel

Die Chapel in der Rheinstraße ist das Bürgerzentrum der Südstadt. Die Chapel wurde 1951 als Kirche für das Headquarter und Mark-Twain-Village der US-Streitkräfte für die Angehörigen verschiedener Konfessionen als gemeinsames Gotteshaus errichtet. Bei der im Dezember 2017 begonnenen Baumaßnahme fielen umfangreiche Sanierungsarbeiten an. Drei Räume, darunter ein großer Saal, können gemietet werden. Die Fäden dafür hält der Trägerverein „CHAPEL Raum für Stadtkultur“ in der Hand, der Ansprechpartner für die Vermietung und den Betrieb der Chapel ist. Zum Trägerverein gehören der Stadtteilverein Südstadt und Caritasverband Heidelberg sowie die Vereine effata Eine-Welt-Kreis und formAD. Die Sanierung und der Umbau wurden im Rahmen der Städtebauförderung „Soziale Integration im Quartier“ von Bund und Land unterstützt.

Grundlegender Wandel und neue Nutzungen

Die ehemaligen Militärgebäude haben im Zuge der Konversion einen grundlegenden Wandel erfahren: Aus ursprünglich militärisch genutzten Räumen sind durch Umbauten und neue Nutzungen Orte für Kultur, Kreativität und Begegnung entstanden. Damit hat sich das städtebauliche Umfeld verändert. Wo früher abgeschlossene Militärflächen das Stadtbild prägten, sind neue Verbindungen, Begegnungsmöglichkeiten und Synergien entstanden. Davon profitieren die Menschen im Quartier ebenso wie die Stadtgesellschaft insgesamt. Zugleich schaffen die neuen Nutzungen Arbeitsplätze und eröffnen weitere Chancen für die Entwicklung der Südstadt. Das zeigt, wie aus der Umwandlung ehemals militärisch genutzter Flächen neue Impulse für Kultur, Kreativwirtschaft und das Zusammenleben im Stadtteil entstehen.

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