Christelle Dabos
Die Spur der Vertrauten
von Heidelberger Literaturscout Sarah Zeiss
Wenn sich das ganze Bild mit voller Wucht im Kopf zusammen setzt
Ein Wir, das keinen Platz für Individualität lässt, ein Instinkt, der über dich und deinen Willen bestimmt, eine Gesellschaft, die nach der Heiligung strebt.
In der Fantasy-Dystopie "Die Spur der Vertrauten" von Christelle Dabos steht der Schützer Goliath kurz vor seinem Abschluss. Die letzte Chance für ihn, sein 11. Leben zu retten und zu einem Tugendhaften aufzusteigen! Dabei gerät er auf die Spur von einer Reihe verdächtiger Vermisstenfällen und auch die junge Vertraute Claire ist den Verschwundenen schon länger auf der Fährte. Doch was verbirgt sie vor ihm und was haben die Erzfeinde des Wir, die Individualisten, damit zu tun?
Das Buch überzeugt besonders mit seinen vielen Wendepunkten. Immer wieder gibt es Stellen, an denen Christelle Dabos endlich das fehlende Puzzleteil liefert, sodass sich mit voller Wucht das ganze Bild im Kopf zusammensetzt und dabei die lesende Person überwältigt bis geschockt zurücklässt. Das beste Beispiel dafür sind Noah und sein "Schnuffelchen" - Christelle Dabos versteht sich wirklich sehr gut darauf, die Lesenden mit ihren Vermutungen in die Irre zu leiten.
Auch sind die Charaktere sehr gut ausgearbeitet und menschlich geschrieben, sodass man jeden einzelnen von ihnen liebgewinnt. Denn Christelle Dabos wirft die Charaktere nicht einfach als eindimensionale Figuren mit einer bestimmten Funktion in die Geschichte, sondern zeichnet sie alle lebendig, gibt ihnen Persönlichkeit, eigene Geschichten und Gründe. So erfahren wir von der Bitterkeit der Leiterin der Schützer-Schule, die sich selbst in Goliath wiedererkennt oder bemerken durch kleine Gesten ganz nebenbei die wahre Tiefe der Liebe von Claires beiden Müttern. Diese Aufzählung könnte man ausnahmslos auf alle Charaktere ausweiten, denn jeden einzelnen von ihnen kann man wirklich in seinem/ihrem Handeln verstehen.
Ein weiteres schönes Detail sind die Parallelen zu unserer Welt. Beispielsweise liest sich Claire in einem Bücherbus verschiedene Titel durch, wie "Der Besuch der alten Erhabenen", "Instinkte machen Leute" oder "Die drei Tugendhaften", Anspielungen auf "Der Besuch der alten Dame", "Kleider machen Leute" und "Die drei Musketiere". Solche Easter Eggs geben dem Buch gleich nochmal eine persönlichere Note und lassen es sich ein bisschen nach zu Hause anfühlen.
Mein einziger Kritikpunkt ist die Verteilung der Handlung. Trotz der interessanten Charaktere, den starken Überraschungsmomenten und der Grundspannung zieht sich das Buch ein wenig.
Über dreihundert Seiten wird ein Zeitraum von 21 Tagen beschrieben, in dem gar nicht so viel passiert, außer ab und an neuen Entdeckungen. Die Zeit dazwischen wird mit teils sich wiederholenden Alltagshandlungen gefüllt, die zwar auch ganz nett sind, auf die Dauer aber schlicht dehnend wirken.
Auch später im Buch wiederholen sich einige Handlungen, wie die Lesungen und das immergleiche Raunen, was dann den Eindruck hinterlässt, der Autorin wären die Ideen ausgegangen.
Dafür passiert auf den letzten hundert Seiten aber sehr viel und manche Handlungsstränge bekommen dabei nicht die Ausführlichkeit, die man sich beim Lesen wünscht. Phänomene bleiben unerklärt und Interaktionen zwischen Charakteren bekommen nicht den nötigen Raum.
Die Gestaltung des Buchs ist jedoch sehr gelungen, besonders die eingeprägten Zitate auf Vorder- und Rückseite sind spannend, weil sie Claire und Goliath aus der Sicht der/des jeweils anderen beschreiben und so auch die wechselnden Perspektiven im Buch zum Ausdruck bringen. Eine Karte des Superkontinents wäre hilfreich gewesen, um, besonders bei Claires Reise, den Überblick zu behalten.
Alles in allem ist das Buch aber wirklich zu empfehlen und lohnt sich besonders für alle, die überraschende Wendepunkte und tiefe Charaktere, sowie Easter Eggs lieben. Geeignet für Fans von “Shatter me”, “Tribute von Panem” oder “Princess Academy”.
Das Buch
Christelle Dabos
Die Spur der Vertrauten
Übersetzung von Amelie Thoma und Nadine Püschel
Rotfuchs/Fischer-Sauerländer 2025
636 Seiten

