Treffen mit der Hauptfigur
Lesung und Gespräch zu "Der Tunnelbauer" von Maja Nielsen
von Heidelberger Literaturscout Leon Hauck
Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, die Hauptfigur aus seinem Lieblingsbuch zu treffen und ihr all seine Fragen zu stellen? Genau dies konnte man bei der Lesung zum Buch „Der Tunnelbauer“ von Maja Nielsen erleben. Denn neben ihr auf der Bühne stand tatsächlich der Zeitzeuge und Protagonist aus dem Buch Joachim „Achim“ Neumann.
Das Buch „Der Tunnelbauer“ spielt um 1961. Darin geht es um Joachim Neumann, einen Studenten aus der DDR. Zu Beginn des Buches und nach Bau der Berliner Mauer, flieht er in den Westen. Dann folgt ein Rückblick. Warum ist es dazu gekommen? Der Rest des Buches handelt davon, dass Joachim Neumann sich den Tunnelbauern im Westen anschließt, um seine Freunde und seine Freundin auch in den Westen zu holen. Dabei stoßen sie auf zahlreiche Hindernisse – vom Wasserrohrbruch im Tunnel, bis hin zu einem Spitzel unter ihnen.
Die Lesung begann mit einer Erklärung der Autorin Maja Nielsen zur damaligen Zeit. Wie war das damals, in der DDR zu leben? So musste man zum Beispiel in ständiger Angst vor der Überwachung leben, ohne Freiheit. Ein ebenfalls wichtiges Thema war, wem man noch trauen konnte und wem nicht. All das wurde sehr anschaulich erklärt und die Zuhörenden konnten sich gut in die damalige Situation hineinversetzen, selbst wenn man vorher nicht viel darüber wusste.
Danach las die Autorin das erste Kapitel des Buches vor. Darin ging es um Joachim Neumanns Flucht aus der DDR. Die Lesestellen waren spannend ausgewählt und fesselnd vorgelesen, auch für diejenigen, die das Buch schon kannten.
Zwischen den Erklärungen und Lesestellen kam immer wieder der Zeitzeuge Joachim Neumann selbst zu Wort und erzählte die Geschehnisse von damals aus seiner Sicht. So erklärte er zum Beispiel, warum er seine Freunde unbedingt mit einem Tunnel in den Westen bringen wollte. Es habe damals auch noch andere Wege in den Westen gegeben. Zum Beispiel war es möglich, sich in einem Auto herausschmuggeln zu lassen. Auf diese Weise war Joachim Neumanns Schwester in den Westen gekommen. Dieser Weg war allerdings sehr teuer. Auch durch die Kanalisation zu gehen, wurde von einigen versucht. Aber die Stasi war mit der Zeit darauf aufmerksam geworden und hatte die Kanalisation vergittert und überwachte sie. Deswegen fiel auch diese Variante flach. Es gab auch noch andere Möglichkeiten, aber auch die wurden mit der Zeit immer gefährlicher. Deshalb haben Joachim Neumann und seine Freunde sich für den Tunnelbau entschieden.
Es war sehr beeindruckend und spannend, alles aus erster Hand zu erfahren. Die Abwechslung zwischen den Lesestellen und Erzählungen des Zeitzeugen waren sehr gut aufeinander abgestimmt. Außerdem wurden während der Lesung auch immer wieder Fotos von damals gezeigt, etwa vom überschwemmten Tunnel oder von der Tunnelbauergruppe. Durch sie und die Erläuterungen von Joachim Neumann dazu hatte man das Gefühl, ganz nah dabei zu sein.
Ein Highlight der Lesung war der mitgebrachte Teddy von Joachim Neumann. Dieser Teddy spielte im Buch eine wichtige Rolle, er verhalf Joachims Freundin quasi zur Flucht.
Daher war es sehr faszinierend, diesen Teddybären plötzlich in echt zu sehen.
Nach der Lesung hatten alle Besucher/innen noch Gelegenheit, ihre Bücher signieren zu lassen oder der Autorin Maja Nielsen und dem Zeitzeugen Joachim Neumann Fragen zu stellen. Dabei stellte sich heraus, dass fast nichts aus dem Buch erfunden ist.
Herr Neumann war es wichtig weiterzugeben, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in Deutschland in Freiheit und in einer Demokratie leben, da dies noch nicht so lange der Fall ist.
Insgesamt war diese Lesung ein sehr besonderes Erlebnis, das mich das Buch nochmal von einer ganz anderen Seite hat sehen lassen.
Das Buch
Maja Nielsen
Der Tunnelbauer
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2024
193 Seiten
ISBN 9783836962308
Zum Buch "Der Tunnelbauer" gibt es auf dieser Website auch eine Buchrezension von Leon Hauck.
Die Veranstaltung fand auf Initiative des Heidelberger Leseclubs Heikogru, Leitung Nele Schäfer, und in Zusammenarbeit mit der Bonhoeffer Gemeinde am 12.02.2026 in Heidelberg-Kirchheim statt.



