Leseorte in Heidelberg
Silent Reading im Elvish Inn
von Heidelberger Literaturscout Carolin Durani
Wir sitzen in diesem kleinen, süßen Café, das eigentlich genau der Ort sein könnte, an dem man stundenlang liest. Es ist kein großes Café, eher eines von denen, die man leicht übersieht, wenn man nicht gezielt danach sucht. Von außen wirkt es unscheinbar, fast ein bisschen versteckt zwischen den anderen Läden der Straße. Aber sobald man die Tür öffnet, verändert sich etwas. Die Geräusche der Stadt bleiben draußen und sind gedämpft.
Die Sitze sind weich, dass man ein bisschen darin versinkt, fast so, wie wir gleich in dem neuen Buch „A Crown Drowned in Shadows“ von Marius Kulin versinken werden. Wenn man sich hineinsetzt, hat man das Gefühl, gemütlich zu sitzen.
Hinter mir steht eine kleine Buchwand, liebevoll zusammengestellt, nicht perfekt sortiert, aber genau das macht sie so schön. Die Bücher stehen nicht nach Farben, nicht nach Autor*innen, nicht nach Genre. Manche sind schief hineingestellt, andere liegen quer obenauf. Es sieht nicht aus wie eine Deko-Bibliothek, sondern wie eine, die wirklich benutzt wird. Man bekommt sofort Lust, einfach ein Buch herauszuziehen und irgendwo aufzuschlagen, ohne groß nachzudenken.
Vielleicht ist genau das der Reiz: dass man hier nicht planen muss. Man kann einfach da sein. Lesen, ohne Ziel. Es fühlt sich an, als wäre Zeit hier etwas Dehnbares, nichts Drängendes. Als müsste man heute nichts erreichen, außer vielleicht ein paar Seiten.
Es riecht nach Kaffee und etwas Süßem, vielleicht Zimt, vielleicht Vanille. Der Geruch ist warm, fast ein bisschen schwer, aber auf eine angenehme Art.
Das Licht ist weich, nicht grell, nicht kalt. Draußen ist es grau und sehr kalt, aber hier drinnen merkt man davon kaum etwas. Die Fenster lassen genug Tageslicht herein, um nicht künstlich zu wirken, und gleichzeitig genug Geborgenheit, um sich geschützt zu fühlen.
Eigentlich ist alles perfekt. Und dann ist da diese Weihnachtsmusik.
Sie ist nicht laut, wirklich nicht. Sie läuft irgendwo im Hintergrund, wahrscheinlich aus kleinen Lautsprechern, die man kaum sieht. Aber sie ist da. Ein Lied, das ich kenne, dann noch eins, das ich auch kenne. Bekannte Melodien, bekannte Refrains. Musik, die man schon hundertmal gehört hat, ohne sie jemals bewusst ausgewählt zu haben. Anfangs nehme ich sie kaum wahr. Sie gehört einfach dazu, denke ich. Weihnachtszeit eben.
Doch irgendwann merke ich, wie mein Blick immer wieder vom Text abrutscht, weil sich der Refrain in meinem Kopf festsetzt. Ich lese denselben Absatz zweimal und weiß trotzdem nicht genau, was dort steht. Meine Augen folgen den Zeilen, aber mein Kopf ist woanders. Er singt mit, gegen meinen Willen.
Ich versuche, mich stärker auf das Buch zu konzentrieren. Ich lese langsamer, bewusster. Manchmal klappt es für ein paar Sätze, dann schiebt sich die Musik wieder dazwischen. Sie ist einfach präsent, wie ein Gedanke, den man nicht loswird.
Neben mir lacht jemand leise. Es ist kein lautes, störendes Lachen, eher ein kurzes Auflachen, ein spontaner Moment. Irgendwo klirrt Geschirr, wahrscheinlich stellt jemand eine Tasse ab oder räumt etwas weg. Ein Stuhl wird leicht verschoben, Schritte auf dem Boden. Genau das mag ich. Diese Geräusche fühlen sich echt an, sie passen zum Lesen. Sie erinnern daran, dass man nicht allein ist.
Die Musik dagegen stört eher. Sie fordert meine Aufmerksamkeit. Einmal erwische ich mich dabei, wie ich im Kopf immer wieder mitsinge. Und ich merke, wie ich leicht genervt bin, nicht einmal von der Musik selbst, sondern von mir, weil ich mich so leicht ablenken lasse.
Ich lege kurz das Buch weg und schaue mich um. Vielleicht hilft es, eine Pause zu machen. Vielleicht gehört auch das zum Lesen, nicht nur die Seiten, sondern die Umgebung wahrzunehmen. Ich sehe Menschen an den Tischen, manche allein, manche zu zweit. Ein paar arbeiten an Laptops, andere unterhalten sich leise. Ich frage mich, ob sie die Musik auch stört oder ob sie diese gar nicht wahrnehmen.
Als ich wieder zum Buch greife, ist die Musik immer noch da. Ein neues Lied, wieder eines, das ich kenne. Ich seufze innerlich, schiebe den Gedanken beiseite und lese weiter. Vielleicht ist es okay, wenn heute nicht viele Seiten zusammenkommen. Vielleicht ist das Café nicht der Ort für tiefes, konzentriertes Lesen, sondern für ein anderes Lesen. Eines, das Pausen erlaubt. Eines, das unterbrochen wird, ohne dass es gleich frustriert.
Die Musik läuft weiter, aber sie tritt ein wenig in den Hintergrund. Nicht weil sie leiser geworden ist, sondern weil ich sie akzeptiert habe. Sie ist Teil dieses Ortes, so wie das Lachen, das Klirren, der Kaffeeduft. Ich muss sie nicht mögen, aber ich kann sie aushalten.
Trotzdem ist es schön hier. Nicht perfekt, aber gemütlich. Vielleicht sogar gerade deshalb. Dieses Café hat Ecken und kleine Störungen, Dinge, die nicht ideal sind, aber Charakter haben. Ich würde mich wieder hierhersetzen. Vielleicht nicht, wenn ich absolute Ruhe brauche.
Das Elvish Inn befindet sich in der Eppelheimer Straße 8, 69115 Heidelberg.
www.elvishinn.de
