Vom Dirigieren eines Konzertes
Übersetzerinnen zu Gast bei den Heidelberger Literaturscouts
von Julie Koubová, Heidelberger Literaturscout und Austauschschülerin aus der UNESCO Literaturstadt Prag
Der tschechische Dichter und Wissenschaftler Petr Hruška sagte, dass das Übersetzen von Büchern sich mit dem Dirigieren eines Konzerts vergleichen lasse. Neben dem Dirigieren sei es für ihn eine weitere Tätigkeit, die er sehr bewundere. Übersetzen sei nicht jedermanns Sache. Es erfordere in erster Linie perfekte Kenntnisse einer anderen Sprache, aber auch Fähigkeiten wie Ausdauer und Geduld, Sorgfalt und Detailgenauigkeit, ein gewisses Sprach- und Stilgefühl und nicht zuletzt Selbstständigkeit und Disziplin. Genau wie das Dirigieren eines Konzerts sei auch das Übersetzen von Büchern eine künstlerische Disziplin. Man arbeite Stück für Stück mit den einzelnen Elementen und versuche, alles harmonisch zusammenklingen zu lassen (den Übersetzungsprozess), bis schließlich ein großes, wohlklingendes Konzert entsteht – die endgültige Fassung des übersetzten Buches.
Am Mittwoch, dem 19. November 2025, hatten wir Heidelberger Literaturscouts die Gelegenheit, in der Bibliothek des Bunsen-Gymnasiums drei Übersetzerinnen zu treffen: Helga Pfetsch, Regina Keil-Sagawe und Silvia Schröer. Sie übersetzen fremdsprachige Literatur ins Deutsche. Im Mittelpunkt des Treffens standen das Leben der Übersetzerinnen, ihre Arbeit sowie der Übersetzungsprozess und die Zukunft des Übersetzens.
Helga Pfetsch, geboren 1944, arbeitet als deutsche Übersetzerin und Ausbildungsunternehmerin/Coach im Bereich Lernen und Kommunikation. Sie hat Sport und Englisch studiert und eine Ausbildung in Psychologie. Sie war Präsidentin des „Freundeskreises zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen“ (ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Literaturübersetzern, der finanzielle Zuwendungen sammelt, Übersetzerstipendien vergibt und Übersetzungspreise verleiht) sowie Vorsitzende des Verbands der Übersetzer (VdÜ); aktuell ist sie Sprecherin der Heidelberger Literaturübersetzer. Sie übersetzt Bücher aus dem Englischen ins Deutsche: Zu ihren Übersetzungen gehören Die Farbe Lila von Alice Walker, Der Report der Magd von Margaret Atwood und Menschenkind von Toni Morrison. 1992 erhielt sie den Literaturpreis der Stadt Stuttgart, 2005 den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis und drei Jahre später das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Regina Keil-Sagawe, geboren 1957, ist Literaturübersetzerin, Kulturjournalistin und Dozentin für die Übersetzung französischsprachiger Literatur ins Deutsche. Ihr Schwerpunkt liegt seit Langem auf der Literatur des Maghreb. Nach ihrem Studium der Germanistik, Romanistik und Pädagogik arbeitete sie ein Jahr lang in Paris als Sprachassistentin. Anschließend war sie zunächst an der Universität Heidelberg und später an der Universität Mohammed V in Marokko tätig. Derzeit lebt und arbeitet sie in Heidelberg. Für ihr Werk wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1998 mit dem Guckmal-Literaturpreis, ein Jahr später mit dem Schweizer Preis Die blaue Brillenschlange und 2001 sowie 2004 mit dem LiBeraturpreis. Zu ihren Übersetzungen zählen Die Schwalben von Kabul und Worauf die Affen warten von Yasmina Khadra sowie das von ihr jüngst übersetzte Buch Denn Tiger fressen keine Sterne von Cécile Oumhani. Sie ist außerdem Herausgeberin der Anthologie Hanîn, Prosa aus dem Maghreb.
Silvia Schröer ist Autorin, Übersetzerin und Lektorin, geboren 1972. Sie hat Germanistik und Geschichte studiert. Sie schreibt hauptsächlich für Kinder und Jugendliche. Beispiele hierfür sind Zuhause auf Weltreise – Ein Abenteuer- und Mitmachbuch für Kinder und Zehn, neun, acht – Der Fuchs sagt Gute Nacht. Im Bereich Übersetzungen übersetzt sie vor allem Bilderbücher, Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher aus dem Französischen und Englischen: Das Herz der Kriegerin von Eloise Flood und Gregor Greif hebt ab von Bruce Coville.
Zu Beginn des Treffens wurden uns die drei Übersetzerinnen kurz vorgestellt, und wir erfuhren etwas über ihren beruflichen Werdegang. Helga Pfetschs erstes übersetztes Buch war Grenzüberschreitungen von Joyce Carol Oates. Regina Keil-Sagawe und Silvia Schröer hatten zu Beginn ihrer Karriere vieles gemeinsam: Beide absolvierten Praktika in Paris und wollten ursprünglich Lehrerinnen werden. Letztendlich entschieden sie sich aber für die literarische Übersetzung.
Während des gesamten Treffens wurden wir symbolisch vom Hieronymuslöwen begleitet, den Regina Keil-Sagawe mitgebracht hatte. Der heilige Hieronymus war einer der vier Kirchenväter und hat die Bibel ins Lateinische übersetzt (Vulgata). Sein Todestag, der 30. September, gilt weltweit als internationaler Übersetzertag.
Im Laufe dieses Nachmittags erfuhren wir nicht nur etwas über das Übersetzen selbst, sondern auch über das Lektorieren. Silvia Schröer erklärte uns, worin ihre Arbeit als Lektorin besteht. Diese begleitet Autoren beim Schreiben eines Buches, liest ihre Texte, überprüft Stil, Grammatik und Rechtschreibung und trägt dazu bei, dass der Text als Ganzes verständlich ist.
Ein Großteil des Treffens bestand aus Fragen von uns und von Ingeborg von Zadow, die zusammen mit Silvia Schröer die Heidelberger Literaturscouts leitet. Eine davon betraf die erste große Herausforderung beim Übersetzen. Helga Pfetsch erwähnte Wortspiele, wie zum Beispiel Witze, die sich oft nicht wörtlich übersetzen lassen. Regina Keil-Sagawe sprach über die Übersetzung von Namen, bei der ein gebräuchlicher arabischer Name im Französischen eine völlig andere Bedeutung haben kann. Silvia Schröer nannte den Umgang mit Schimpfwörtern als Herausforderung. Eine weitere Frage drehte sich darum, warum Übersetzer ihre Arbeit so schätzen. Die Antworten zeigten, dass Übersetzen eine sehr komplexe und kreative Tätigkeit ist. Der Übersetzer weiß oft während des Arbeitsprozesses nicht, wie der fertige Text klingen wird (wie Petr Hruška erwähnte), und hat große Freiheit, die passendsten Lösungen zu finden. Wichtig ist, dass die meisten Übersetzungen nicht wortwörtlich sind; das wäre gar nicht möglich. Stattdessen erschafft der Übersetzer seinen eigenen Text und muss dabei die Idee, die Atmosphäre und die Bedeutung des Originals bewahren.
An dieses Thema knüpfte ich mit meiner Frage zum Übersetzungsprozess selbst an. Ich wollte wissen, ob es ein einheitliches Vorgehen gibt oder ob jeder Übersetzer seine Arbeit individuell organisiert. Alle drei waren sich einig, dass der Übersetzungsprozess sehr individuell ist. Helga Pfetsch, zum Beispiel, beginnt immer mit dem ersten Kapitel und arbeitet sich bis zum Ende des Buches vor, während Silvia Schröer manchmal mit einem Kapitel in der Mitte beginnt. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie versuchen, sich an die Syntax des Originals zu halten und die Spannung und Atmosphäre der Geschichte zu bewahren.
Schließlich sprachen wir auch über die Zukunft des Übersetzerberufs. Regina Keil-Sagawe äußerte die Ansicht, dass das Übersetzen allein heutzutage oft nicht mehr ausreicht, um davon leben zu können. Viele Bücher werden aktuell mithilfe von Software übersetzt, und eine Person korrigiert anschließend lediglich den Text und behebt Fehler oder unpassende Formulierungen (sogenanntes Post-Editing).
Anschließend führten wir mit den Übersetzerinnen ein Experiment durch. Jeder von uns erhielt einen kurzen englischen Absatz und sollte ihn ins Deutsche übersetzen. Das Ergebnis waren 23 verschiedene Varianten desselben Textes. Unterschiede zeigten sich beispielsweise in der Übersetzung von Adjektiven, die die Figuren beschreiben, oder im Zeitbegriff. Jede Version war originell und einzigartig. Dennoch vermittelten alle Texte Emotionen, versteckte Bedeutungen und Ironie – etwas, das automatischen Übersetzungsprogrammen oder ChatGPT beim Übersetzen oft fehlt.
Insgesamt hat mir das Treffen sehr gut gefallen. Es war sowohl beruflich als auch persönlich bereichernd. Mir wurde bewusst, dass die Arbeit eines Übersetzers nicht nur Sprachkenntnisse erfordert, sondern auch Einfühlungsvermögen, Geduld und eine Beziehung zur Literatur. Wir erfuhren, wie der Übersetzungsprozess von Büchern abläuft und welchen Herausforderungen Übersetzer in ihrer Arbeit begegnen. Ich bedauere nur, dass am Ende nicht mehr Zeit für weitere Fragen blieb.
