Caryl Lewis

Wenn die Bienen schweigen Oder: Wenn die Kunst realer ist als die Realität

von Heidelberger Literaturscout Sarah Zeiss

Caryl Lewis: Wenn die Bienen schweigen. dtv

Als die letzten Bienen sterben, ist von der alten Gesellschaft kaum noch etwas übrig. Essensrationierungen, Bücherverbrennungen und die Willkürherrschaft des Militärs bestimmen den Alltag. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, wurde begonnen, alle Mädchen von elf Jahren in Camps zu schicken – sie sollen mit Pinseln das Bestäuben der Blüten übernehmen. So auch Jess. Jess allerdings weiß, dass Pinsel auch auf andere Weise ein mächtiges Werkzeug sein können. Doch kann es ihr wirklich gelingen, Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch kein Bild gesehen haben, mit Kunst das Unrecht begreifbar zu machen, dass ihnen widerfährt? 

Caryl Lewis Jugend-Dystopie Wenn die Bienen schweigen überzeugt besonders mit ihren fesselnden Beschreibungen. Beim Lesen entstehen detaillierte Bilder vom Camp, den Arbeits- und Schlafsälen, sowie der Landschaft Amerikas nach dem Zusammenbruch. So wird es ganz leicht, Jess‘ Blickwinkel einzunehmen und am eigenen Leib die Auswirkungen von Klimawandel und einem totalitären Regime zu erfahren.

Zudem beweist Caryl Lewis ein sehr feines Gespür für Charakterdynamiken. Die Dialoge lesen sich sehr natürlich und in jedem Wort schwingt ganz viel Persönlichkeit. So wird beim Lesen die Intention von jeder/jedem Einzelnen nicht nur ersichtlich, sondern vor allem nachvollziehbar. Im passé erfahren wir von Vorgeschichten, Traumata und Ängsten, sodass den Lesenden zuletzt selbst Jess‘ Mobberin ans Herz wächst.

Generell enthält das Buch sehr viele starke und einzigartig eingefangene Charaktere, die dafür sorgen, dass die Handlung durchgehend spannend bleibt. Auch wenn Jess gerade erneut in der Werkstatt Pinsel verklebt oder zum Essen geht, interagiert sie mit Nebencharakteren, die so viel an eigener Geschichte in sich tragen, dass sie alle die Lesenden emotional berühren. Seien es die anderen Mädchen im Camp, die Wächter oder die Mütter, sie alle machen Lust auf die Geschichte und durchlaufen interessante Entwicklungen im Verlaufe des Buches.

Einzig lässt sich anmerken, dass die letzten Handlungspunkte, besonders im Vergleich zum ausführlichen Anfang und Hauptteil, ziemlich schnell abgewickelt werden und das Ende etwas abrupt wirkt. Eine richtige Lösung scheint zu fehlen, dafür herrscht viel Potential für einen zweiten Teil, besonders da auf den letzten Seiten alte Nebenhandlungsstränge noch einmal angeschnitten werden.

Insgesamt ist das Buch allerdings eine große Empfehlung und zeigt deutlich die Folgen, die das unbedachte Handeln unserer Generationen haben kann und unterstreicht: Nie wieder ist jetzt! Wem also Die Tribute von Panem, Die Spur der Vertrauten oder Shatter Me gefallen hat oder wer ein Buch mit tiefen Charakteren, atmosphärischer Spannung und lebhaften Beschreibungen sucht, hält mit Wenn die Bienen schweigen genau das richtige Buch in der Hand!

Das Buch:

Caryl Lewis
Wenn die Bienen schweigen
dtv Verlag
ab 14
ISBN 978-3423650526

×