Jane Austen
Stolz und Vorurteil – der Liebesroman-Klassiker schlechthin. Aber ist er nach mehr als 200 Jahren wirklich noch lesenswert?
Rezension von Heidelberger Literaturscout Alina Ruppel
Auf jeden Fall! Die Geschichte folgt Elizabeth Bennet, deren Mutter sie und ihre vier Schwestern unbedingt und schnellstmöglich vorteilhaft verheiraten möchte. Dass die Heirat aus Liebe erfolgt, ist in ihren Augen dabei nur nebensächlich. Und so kommt es, dass, als der ledige und wohlhabende Mr. Bingley den Landsitz ganz in der Nähe bezieht, Mrs. Bennet alles daransetzt, eine ihrer Töchter mit ihm zu vermählen. Umso erfreuter ist sie zunächst auch, als er seinen ebenfalls ledigen und wohlhabenden Freund Mr. Darcy mitbringt. Doch während sich Elizabeths ältere Schwester Jane und Mr. Bingley mit jeder Minute mehr verlieben, gerät Elizabeth mit Mr. Darcy aneinander. Sie nimmt ihn als arrogant und abgehoben wahr, während er von dem Verhalten ihrer Familie abgeschreckt wird. So kommt es im Verlauf des Buches zu immer mehr Missverständnissen zwischen ihnen. Ihre Schlagabtausche sind witzig zu lesen und Elizabeths eher untypische Weltanschauung für die damalige Zeit kommt in ihnen gut zur Geltung. Denn sie ist intelligent, schlagfertig, lässt sich wenig gefallen und ist, anders als ihre Mutter es gerne hätte, nicht an einer Heirat interessiert, außer sie erfolgt aus Liebe. Sie wehrt sich aktiv gegen die Standards, denen Frauen zu ihrer Zeit unterliegen. Doch auch Elizabeth ist nicht frei von Fehlern, was sie beim Lesen nur noch menschlicher wirken lässt. Sie verurteilt Menschen schnell und bildet sich schon zu Beginn ein Bild, das sie danach nur schwer wieder verwerfen kann.
Gerade diese Eigenschaft ist für die Handlung besonders wichtig, denn auch Elizabeth lässt sich von Vorurteilen leiten. Sie glaubt, Mr. Darcy bereits durch ihre erste Begegnung zu kennen und interpretiert sein Verhalten dementsprechend. Erst nach und nach beginnt sie zu erkennen, dass ihr Bild von ihm nicht der Wahrheit entspricht. Dadurch wird deutlich, wie leicht man sich von seinem ersten Eindruck täuschen lassen kann. Gleichzeitig muss auch Darcy seinen Stolz überwinden und erkennen, dass seine eigene Einstellung gegenüber Elizabeth und ihrer Familie nicht immer gerechtfertigt ist. Die großartig geschriebene und entwickelte Veränderung, die beide Figuren durchlaufen, gehört für mich deshalb zu den interessantesten Aspekten des Romans.
Besonders gut gelungen finde ich, dass es in Jane Austens Roman um viel mehr geht als nur um die Liebesgeschichte von Darcy und Elizabeth. Sie verbindet das Verhältnis und die daraus entstehende Beziehung der beiden mit offener gesellschaftlicher Kritik. Beispielsweise Austens bewusste Entscheidung, dass beinahe alle der Frauen, die in diesem Roman heiraten, dies aus Liebe tun. Denn für Frauen wie Elizabeth gab es nur wenige Möglichkeiten, ein unabhängiges Leben zu führen. Eine gute Heirat konnte über die finanzielle und gesellschaftliche Zukunft einer Frau entscheiden. Sie ist nicht bereit, ihre eigenen Vorstellungen oder auch ihren aufgeweckten Charakter und Verstand aufzugeben, nur um finanziell abgesichert zu sein. Genau das fordert die damaligen Gesellschaftsformen heraus, in denen Frauen selten selbst entscheiden durften.
Auch die Nebenfiguren machen die Geschichte interessant. Besonders Mrs. Bennet sorgt mit ihrer ständigen Sorge um die Verheiratung ihrer Töchter für humorvolle, manchmal aber auch etwas peinliche Situationen. Während Elizabeth ihre Mutter häufig nicht ernst nehmen kann, wird gleichzeitig deutlich, dass Mrs. Bennets Verhalten auch aus Angst um die Zukunft ihrer Töchter entsteht. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie selbst nicht in einer glücklichen Ehe lebt und sich wahrscheinlich mehr für ihre Töchter wünscht. Dadurch ist sie zwar oft nervig, aber nicht einfach nur eine unsympathische Figur. Auch Figuren wie Mr. Collins oder Lady Catherine de Bourgh zeigen auf teilweise übertriebene und humorvolle Weise die gesellschaftlichen Vorstellungen der damaligen Zeit. Und da ihre Ansichten von Figuren wie Elizabeth, oder teilweise auch Mr. Darcy, in Frage gestellt werden, findet man sich selbst als Leser beim Nachdenken wieder, auch über die Erwartungen unserer heutigen Gesellschaft.
Jane Austens Schreibstil hat mich zunächst jedoch abgeschreckt. Durch die doch schon ältere Sprache war es zu Beginn schwierig, die Handlung hinter den Worten zu begreifen. Die Sprache ist teilweise sehr formell und die Handlung entwickelt sich deutlich langsamer, als man es von modernen Liebesromanen gewohnt ist. Trotzdem fand ich gerade die Dialoge und den feinen Humor gelungen. Austen macht sich häufig über die Eigenheiten ihrer Figuren und die gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit lustig, ohne diese Kritik immer direkt auszusprechen. Dadurch wirkt der Roman an vielen Stellen überraschend aktuell.
Die Liebesgeschichte selbst hat mir deshalb gut gefallen. Elizabeth und Darcy verlieben sich nicht plötzlich ineinander, sondern ihre Beziehung entwickelt sich langsam. Beide müssen zuerst ihre eigenen Fehler erkennen und ihre Vorstellungen voneinander überdenken. Das macht ihre Beziehung für mich glaubwürdiger als viele andere Liebesgeschichten. Vor allem Elizabeths Entwicklung fand ich überzeugend, da sie nicht von einem Moment auf den anderen alles Vergangene vergisst, sondern durch neue Erfahrungen dazu gebracht wird, ihre bisherige Vorstellung von Darcy zu hinterfragen. Auch er verändert sich und lernt, sein eigenes Verhalten und seine Vorurteile zu erkennen. Ähnlich wie Elizabeth, braucht es auch bei Darcy entscheidende Momente, die ihn dazu bringen seine Erwartungen nochmals zu überdenken. Besonders schön war, dass er zuletzt Elizabeth die Wahl überlässt, etwas, für das er noch zu Beginn des Buches zu stolz gewesen war.
Insgesamt hat mich Stolz und Vorurteil trotz meiner anfänglichen Schwierigkeiten mit der Sprache überzeugt. Elizabeth ist eine sympathische Hauptfigur, weil sie selbstbewusst und schlagfertig ist, aber gleichzeitig auch Fehler macht und diese im Laufe der Geschichte erkennt. Auch Darcy ist interessant, weil man als Leser seine Veränderung miterlebt und dadurch auch die eigenen Vorstellungen und Werte noch einmal hinterfragt.
Zuletzt kann ich auch die verschiedenen Verfilmungen empfehlen, wenn die Geschichte interessant klingt, die Sprache des Romans aber eher abschreckend wirkt. Sowohl die Verfilmung von 2005 als auch die BBC-Verfilmung sind wunderschön kinematisch umgesetzt. Denn obwohl sich unsere Gesellschaft seit Jane Austens Zeit stark verändert hat, sind die zentralen Themen des Romans noch immer relevant. Auch heute bilden wir uns schnell eine Meinung über andere Menschen und lassen uns von ersten Eindrücken täuschen. Genau deshalb ist Stolz und Vorurteil für mich mehr als nur ein Liebesroman und absolut lesenswert!
Eine weitere Empfehlung von Seite der Heidelberger Literaturscouts verdient auch noch Die andere Bennet Schwester von Janice Hadlow. Perfekt für Leser, die noch einmal in die Welt von Elizabeth und ihrer Familie eintauchen möchten. Zwar ist die Geschichte von Mary Bennet nicht von Jane Austen selbst geschrieben, fügt sich jedoch trotzdem wunderbar in die Welt des Originals ein.
Das Buch:
Jane AustenStolz und Vorurteil
Deutsche Übersetzung von Karin von Schwab
Nikol Verlagsgesellschaft, 13. Auflage 2025
400 Seiten
ab 14 Jahren
ISBN-13: 978-3-86820-638-8
