Eingliederungshilfen sind häufigste Hilfeform in der Jugendhilfe
Bericht des Kinder- und Jugendamts zeigt steigende Fallkomplexität bei zugleich hoher Kosteneffizienz
Die Kinder- und Jugendhilfe in Heidelberg sieht sich trotz teilweise rückläufiger Fallzahlen mit zunehmend komplexen Problemlagen konfrontiert. Das geht aus dem aktuellen Bericht zur Entwicklung der Hilfen zur Erziehung, der Eingliederungshilfen und des intervenierenden Kinderschutzes hervor, den die Stadtverwaltung dem Jugendhilfeausschuss am 17. September 2026 vorgestellt hat. Gleichzeitig bleibt Heidelberg im landesweiten Vergleich weiterhin eine der kosteneffizientesten Kommunen bei den erzieherischen Hilfen.
„Hinter jeder Zahl stehen Kinder, Jugendliche und Familien in oftmals sehr belastenden Lebenssituationen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe leisten täglich anspruchsvolle Arbeit, um Schutz, Unterstützung und Perspektiven zu ermöglichen. Der Bericht macht zugleich deutlich, dass wir präventive Strukturen erhalten und weiter stärken müssen, wenn wir Kindern und Familien auch künftig bedarfsgerecht helfen wollen“, sagt Stefanie Jansen, Bürgermeisterin für Soziales, Bildung, Familie und Chancengleichheit der Stadt Heidelberg.
Hilfen zur Erziehung: Weniger Fälle, höherer Unterstützungsbedarf
Im Jahr 2025 wurden in Heidelberg 518 Hilfen zur Erziehung gewährt. Das waren 67 Fälle weniger als im Vorjahr. Entsprechend gingen auch die Ausgaben auf rund 9,8 Millionen Euro zurück. Die niedrigeren Fallzahlen bedeuten jedoch nicht, dass Familien weniger Unterstützung benötigen. Nach Einschätzung des Allgemeinen Sozialen Dienstes nehmen vielmehr die Komplexität der Problemlagen und der fachliche Aufwand bei der Bedarfsermittlung weiter zu.
Eingliederungshilfen wachsen dynamisch
Deutlich gestiegen sind erneut die Eingliederungshilfen für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung oder drohender seelischer Behinderung. Ihre Zahl erhöhte sich auf 519 Fälle und übertraf damit erstmals die Zahl der Hilfen zur Erziehung. Mit einem Anteil von rund 50 Prozent stellen Eingliederungshilfen inzwischen die größte Hilfeart im Bereich der individuellen Jugendhilfeleistungen. Die Ausgaben stiegen auf rund 10,7 Millionen Euro. Ursache sind neben höheren Fallzahlen zunehmend komplexe und damit kostenintensive Unterstützungsbedarfe.
Kinderschutz bleibt anspruchsvolles Aufgabenfeld
Auch im Kinderschutz bleibt die Lage anspruchsvoll. Die Zahl der Gefährdungsmeldungen stieg 2025 auf 399 Fälle. Gleichzeitig ging die Zahl der bestätigten Kindeswohlgefährdungen leicht auf 174 zurück. Deutlich zugenommen haben die Inobhutnahmen: 126 Kinder und Jugendliche mussten vorübergehend in Schutz genommen werden, 25 mehr als im Vorjahr. Die hierfür entstandenen Kosten beliefen sich auf rund 1,4 Millionen Euro.
Stabile Entwicklung bei unbegleiteten Minderjährigen
Bei den unbegleiteten minderjährigen Ausländerinnen und Ausländern (UMA) blieb die Entwicklung weitgehend stabil. Mit 89 Hilfen lag die Fallzahl nahezu auf Vorjahresniveau. Rund 87 Prozent der jungen Menschen wurden stationär betreut. Die Kosten von etwa 3,5 Millionen Euro werden vollständig durch das Land erstattet. Seit 2024 ist in diesem Bereich ein rückläufiger Trend bei den Inobhutnahmen zu beobachten.
Prävention stärkt Heidelbergs Position im Landesvergleich
Trotz der fachlichen Herausforderungen schneidet Heidelberg im Landesvergleich weiterhin sehr gut ab. Mit Ausgaben von 697 Euro je Einwohnerin und Einwohner unter 21 Jahren lagen die Kosten für erzieherische Hilfen im Jahr 2024 deutlich unter dem Durchschnitt der baden-württembergischen Stadtkreise von 988 Euro. Die Stadt führt dies auch auf eine gut ausgebaute präventive Infrastruktur zurück. Angebote wie Frühe Hilfen, Erziehungsberatung, Schulsozialarbeit und offene Kinder- und Jugendarbeit tragen dazu bei, Belastungen frühzeitig zu erkennen und Hilfebedarfe zu reduzieren.
Präventive Angebote bleiben unverzichtbar
Der Bericht unterstreicht zugleich die Bedeutung dieser präventiven Angebote angesichts steigender Anforderungen. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass ein Abbau niedrigschwelliger Hilfen langfristig zu höheren Bedarfen im deutlich kostenintensiveren Einzelfall führen kann.
Mangel an passgenauen Hilfen verschärft sich
Eine wachsende Herausforderung bleibt die Versorgung mit passgenauen Hilfen. Insbesondere bei stationären Unterbringungen fehlen häufig geeignete Plätze. Die Suche nach passenden Angeboten dauert teilweise Wochen oder Monate und erstreckt sich zunehmend über die Region hinaus. Auch im Bereich der Inobhutnahme stoßen vorhandene Kapazitäten immer häufiger an ihre Grenzen. Hinzu kommt ein Rückgang von Familien, die bereit sind, Bereitschafts- oder Vollzeitpflege für Kinder zu übernehmen.
Leistungsfähiges System unter wachsendem Druck
Insgesamt bestätigt der Bericht die hohe Leistungsfähigkeit der Heidelberger Kinder- und Jugendhilfe. Die Hilfen werden als wirksam und nachhaltig bewertet und leisten einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung von Lebenslagen junger Menschen und ihrer Familien. Gleichzeitig machen die steigende fachliche Komplexität und die wachsenden Anforderungen deutlich, dass die Kinder- und Jugendhilfe auch künftig auf verlässliche personelle, strukturelle und finanzielle Rahmenbedingungen angewiesen ist.
